rezensionen

Hier finden Sie sowohl Besprechungen aus dem Feuilleton als auch Leserstimmen zu meinen bisher erschienenen Büchern.

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"Gestern habe ich 'Maya mein Mädchen' fertig verschlungen.
Danke für dieses Buch. Es hat meine Seele berührt, beflügelt, entsetzt."

                                                                                                                                                    "Ich bin tief beeindruckt, wie es Ihnen gelingt, Worte für das     

                                                                                                                                                     eigentlich Unsagbare zu finden."
                                                                                                                                                     ( zu: 'Angst hat die Quersumme 5')    

                                

Der Zufall ist ein Vogel, der langsam um die Ecke fliegt
Kurzgeschichten
Hardcover - ca. 100 Seiten - Wiesenburg Verlag - 2015
ISBN 978-3956322006

Euro 16,80

 

Von Eva Korhammer, 2016
Kulturnetz, 2016/1

Zwei junge Menschen, im Boot unter der feindseligen Bordwand eines Fluchtdampfers, er scheitert, sie kehrt um.
Ein paar Müßiggängerinnen in der Mode-Sklaverei.
Eine Schweizerin im deutschen Bürokratie-Dschungel.
Eine vergebliche Reise in die Erinnerung.
Die Versuchung eines hermetischen Paradieses.
Ein jäher Beschluss, den Ort zu wechseln.
Zwei, die aussichtslos miteinander verkommen.
Gärten als Traumvision.
Die Angst des Heiminsassen vor der Freiheit.
Mystik als lila Angebot.
Ein Amok-Protokoll ohne Interpunktion.
Die unmögliche Rückkehr zur Norm.
Ein ultimativer Joker.
Der schwere Verzicht, Hauptfigur zu sein.

Vierzehn Stücke Kurzprosa – der Begriff Geschichten allein würde ihnen nicht gerecht -  aus dem Leben gegriffen. Da aber jedes sein kleines, unverwechselbares Eigenleben führt, sollte man sich nicht zu schnell an ein Gerüst lehnen, das man wegen der Wiedererkennbarkeit für sicher hält. Gewiss, Gyde Callesens Figuren sind aus Fleisch und Blut und durchleben (oder durchsterben) nachvollziehbare Ereignisse. Aber in den Szenerien, in die sie gesetzt werden, können sie auch, sozusagen um der Sache willen, bizarr bis surreal, kraftvoll bis hoffnungslos geraten.
Mit ihren neuesten, an ihren Zuhörern bereits erprobten Kurzprosa-Stücken bestätigt Gyde Callesen einmal mehr, wo ihre Denk-Schwerpunkte liegen und ihre Fähigkeit, sie ihrer Leserschaft zu vermitteln. Identitätssuche, Auseinandersetzung mit Erinnerung, Verlockung, Verlust, Veränderung schaffen den vielfarbigen Hintergrund ihrer Menschen- und Situationsstudien. Ihr Sinn für Zwischentöne, die von Abweichungen und Brüchen bis zu haltgebenden, zuweilen in fernöstlichen Lehren verankerten Angeboten reichen können, bietet uns Lesebegleitung an.
Es kommt immer wieder vor, dass man dankbar ist für die Assistenz, denn die Dichte der Lebens-Sequenzen fordert Kraft. Zur Belohnung bekommt man zur Lesefreude vielleicht auch das eine oder andere Handwerkszeug. Zum Beispiel, „um sich selbst immer wieder neu zu erfinden“.
Gydes Sprache ist einfach schön. Und bei aller Energie leise. Kommt nicht selbstbewusst daher, sondern „fliegt langsam um die Ecke“.
Empfangen, bitte!

 

Angst hat die Quersumme 5

Roman
broschur - ca. 300 Seiten - Wiesenburg Verlag - 2013
ISBN 978-3-943528-87-9

Euro 19,90

 Einfühlend und sehr bildhaft

Von Sophie Weigand, 2014

http://literatourismus.net

„Anna Svendheim ist erfolgreiche Reisefotografin. An nahezu jeden entlegenen Winkel der Welt hat es sie schon verschlagen, sie führt ein Leben auf der Überholspur. Nicht stehenbleiben, nicht innehalten. Niemals wäre ihr in den Sinn gekommen, dass diese Fassade selbstbestimmter Lebensführung einmal bröckeln, ja gar tiefe Risse offenbaren könnte. Als sie jedoch allein auf eine Insel am Meer fährt, um dort Fotos zu machen, beginnt plötzlich die Welt aus den Fugen zu geraten. Unter ihren Füßen zu schwanken.

„Plötzlich hatte etwas unter ihr geschwankt, vielleicht war es der Boden, vielleicht die Selbstverständlichkeit, auf der sie bis dahin ihre Tage gebaut hatte. Dieser Satz: Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war – sie hatte ihn immer etwas übertrieben und pathetisch gefunden. Nun war nichts mehr so, wie es war.“

Überstürzt verlässt Anna die Insel, ohne sich erklären zu können, was da passiert ist. Ein Engegefühl in der Brust, ein Kloß im Hals, Schwindel, ein kaum zu bezwingender Fluchtreflex. Was ihr Freund Hendrik zuhause noch als Inselkoller abtut, entwickelt sich in den Wochen darauf zu einer Qual. Jede Erledigung außerhalb der Wohnung wird zum nahezu unüberwindbaren Hindernis, das Betreten öffentlicher Verkehrsmittel, das Besuchen eines Kinos, jederzeit können Anna diese Zustände überfallen, von denen sie nicht einmal genau weiß, was sie sind. Ist sie ernsthaft krank? Ist sie verrückt?

„Ich schrieb das Wort Selbstverständlichkeit auf einen Zettel. Kein schönes Wort. Es stolpert durch seine Buchstaben. Selbstverständlich, selbst und verständlich, ich verstand mich selbst nicht mehr, verstand meinen Körper nicht mehr, nicht meine Gefühle, nicht meine Gedanken. Ich war mir selbst nicht mehr selbstverständlich.“

Anna leidet unter Panikattacken. Panikattacken, die die Welt zu einem unsicheren Ort gemacht haben, in dem jederzeit furchtbare Dinge geschehen können. Ihren Job als Reisefotografin muss sie aufgeben, sie schafft es ja nur mit Müh und Not zum Supermarkt um die Ecke. Als sie schließlich auf Anraten eines Freundes eine Psychiaterin besucht, verordnet die ihr nur Valium und ein Antidepressivum. Anna entscheidet, nach der Konsultation eines anderen Arztes, einem stationären Aufenthalt zuzustimmen. Mindestens acht Wochen, aus dem Verkehr gezogen, auf sich selbst zurückgeworfen.

„Dort, wo Enge und Dunkelheit sich gepaart haben, ist die Angst geboren worden.“

Mit viel Einfühlungsvermögen und einem beinahe intuitiven Gespür für das Empfinden von Angstpatienten beschreibt Gyde Callesen den Weg einer Frau, die lernen muss, sich ihr Leben zurückzuerobern. Die begreifen muss, dass die Angst ihr zwar als Feind erscheint, ihr jedoch im Grunde freundschaftlich gesinnt ist. Annas stetiges Reisen, ihr Immer-Unterwegs-Sein glich viel mehr einer Flucht als einer Leidenschaft. Flucht davor, dass die Mutter sie verließ und der Familie von einem Tag auf den anderen den Rücken kehrte. Flucht vor dem Zerfall ihrer Familie. Flucht vor sich selbst. Die Angst allerdings wirft sie radikal auf sich selbst zurück, indem sie ihr alle Möglichkeiten verwehrt, sich von sich selbst abzulenken.

Gyde Callesen hat einen Roman über Angst und Panik geschrieben, in dem sich jeder Betroffene, vermutlich jeder wiederfinden kann, der einmal wie wahnsinnig vor einer Sache geflohen ist. Angst ist wenig anerkannt unter denen, die sie nie gespürt haben. Viele sind der Ansicht, man müsse sich nur zusammenreißen, man müsse sie einfach ignorieren. Callesen zeigt mit ihrem Roman einen anderen Weg auf, macht die Angst gewissermaßen zu einem Verbündeten im Kampf gegen etwas Tieferliegendes. Man kann sie immer wieder bekämpfen oder man kann ihr zuhören, hier prallen womöglich auch verhaltenstherapeutische und tiefenpsychologische Ansätze aufeinander.

„Scham ist die schwarze Wand, die verhindert, dass ich dir erzähle, was geschehen ist. Sie ist der weiße Nebel, der alle Geräusche verschluckt. Keine Worte dringen durch die Mauer der Scham. Was geschah, passierte nicht.“

Gyde Callesen schreibt enorm bildhaft und poetisch. So wie Anna Svendheim versucht, Gefühle mittels Fotografie fassbar zu machen, versucht Callesen, mit sprachlichen Bildern Gefühle abzubilden...“


Angst hat die Quersumme 5

Roman
broschur - ca. 300 Seiten - Wiesenburg Verlag - 2013
ISBN 978-3-943528-87-9

Euro 19,90

 

Leserstimmen

 

„Seit 2,5 Stunden bin ich "leider" fertig mit diesem wunderbaren Buch. Nach den letzten Zeilen musste ich weinen, eine Stunde lang nur weinen, weil dieses Buch meine Seele berührt hat…
Dieses Buch ist nicht nur eine Bereicherung auf dem Buchmarkt, es ist das wundervollste Therapiebuch was ich je gelesen habe. Obwohl ich keine Angststörung habe, konnte ich mich trotzdem in dem Leben der Hauptdarstellerin wieder finden. Und ja, dieses Buch hat mich sehr viel gelehrt. Ich möchte Ihnen von Herzen danken für dieses wundervolle Buch, was sie bestimmt mit noch mehr Herzblut und Liebe geschrieben haben. Danke!!!!!!!!!!
Ich fühle mich gerade als wurde mir jemand eine warme Decke umlegen, mich festhalten und die Welt wäre für einen kurzen Moment in Ordnung. Dieses Buch ist Hoffnung, Tränen, Selbsterkenntnis und führt zu sehr viel Selbstliebe wenn man es mit offenem Herzen liest.
Schön das es Menschen wie Sie gibt, die durch eine besondere Gabe anderer Menschen Seele berühren.
Es war mir ein tiefes Bedürfnis Ihnen diese Zeilen zukommen zu lassen.“ (Leserin, 2015)

 

„So viele wow-Effekte, so oft "ja, genau so fühlt es sich an". Ich wünsche dem Buch massenhaft LeserInnen, vielleicht auch solche, die es sich vorher nicht vorstellen konnten...

Danke für "Angst hat die Quersumme 5". Eins der Bücher, die ich sicher öfter lesen werde, um alles wirklich mit Genuss durchzuschmecken.“ (Leserin, 2013)

 

"Es ist faszinierend, wie Gyde Callesen erzählt. In einem kunstvollen Wechsel zwischen innerem Erleben und äußerer Welt
läßt sie die Leser teilhaben an einem Leben, das alle bisherigen Sicherheiten verliert, in dem der Lebenskreis immer kleiner, letztlich fast zum Punkt wird. Aber Anna ist keine psychiatrische Fallstudie. Vielmehr macht Gyde Callesen es möglich, selbst hineinzufühlen in den Verlust aller Gewissheiten, das körperliche Ausgeliefertsein an eine Angst, die alles beherrscht. Die gut gemeinten Ratschläge ihrer Mitmenschen, sich zusammenzunehmen, vernünftig zu sein und Annas Gefühl von Hilflosigkeit, weil sie ja selbst weiß, dass es sich nicht um reale Befürchtungen handelt, mit denen sie kämpft, sondern um die tiefe, existentielle Angst – all das könnte beklemmend und deprimierend sein, wenn die Autorin nicht gegensteuern würde durch die Begegnungen mit der alten Asgard, in deren beruhigender Nähe Anna Kraft schöpft, um ihren eigenen Weg zum Weiterleben zu finden. Unbedingt lesen!" (Leserin, 2013)

 

"Stark. Wirklich stark. Ich hab mich auf fast jeder Seite wiedergefunden." (Leser, 2013)

 

"Das neue Buch habe ich schon fast ausgelesen - und fühle mich sehr berührt. Sie haben die Angst mit sehr eindrücklichen Worten und gefühlvollen Bildern eingefangen. Es ist schön, Ihren Text zu lesen und mich dabei froh zu fühlen, dass Sie Worte finden für das, was ich für mich noch nicht formuliert habe. Vielen Dank dafür."
(Leserin, 2013)

Angst hat die Quersumme 5

Roman
broschur - ca. 300 Seiten - Wiesenburg Verlag - 2013
ISBN 978-3-943528-87-9

Euro 19,90

 

Leserstimmen

 

"Ich bin tief beeindruckt, wie es Ihnen gelingt, Worte für das eigentlich Unsagbare zu finden." (Leserin, 2013)

 

"Das Buch ist aber auch wieder fantastisch! Ich bin auch eine sehr begeisterte Leserin, mag oft gar nicht aufhören ...  Ich finde es unheimlich fazinierend, wie Sie sich in die Figuren reindenken können. Wie Sie das so schreiben, dass ich während des Lesens mittendrin in der Geschichte bin.....faszinierend!!!" (Leser, 2013)

 

"Es ist sehr schön, und Anna und Asgard begleiten mich bereits... unglaublich... so schöne Sprache... Details...Farben..."
(Leserin, 2013)

 

"Annas Welt wird immer kleiner, verändert sich radikal mit der plötzlich auftauchenden Angst. Eine Angst die lähmt, die zu Heimlichkeiten verführt, die den Alltag in große Hürden verwandelt, kaum bewältigbar. Für eine Reisefotografin der absolute Untergang, Reisen geht nicht mehr einfach, selbst das fahren in Zügen und S-Bahn wird zum Problem.
Das Vertrackte bei der Angst, sie ist unsichtbar für andere, nicht so klar wie ein gebrochenes Bein und nicht einfach mal eben heilbar mit Medikamenten. Ein "Reiß dich halt zusammen" bringt gar nichts, genauso wie die Angst zu bekämpfen. Gyde Callesen zeigt hier durch die Augen von Anna, wie das ist, wenn die Welt schrumpft, wie die Menschen um Anna sich verhalten und welche Probleme alleine sich schon ergeben echte Hilfe zu bekommen. Einfühlsam schildert sie den Weg mit der Angst umzugehen, sie anzunehmen statt zu bekämpfen und aus der Angst zu lernen. Was will die Angst sagen, warum ist sie aufgetaucht. Annas Leben verändert sich, aber es endet nicht, weil sich neue Wege eröffnen, und selbst ein Anerkennen von Grenzen genau zur Erweiterung der sehr engen Grenzen führt.
Ich finde es erholsam einen Roman zu lesen ohne überzogene durchhalte Parolen, das schnelle Rezept für die Heilung, um wieder ins alte Leben zu kommen, denn so ist es auch nicht im wirklichem Leben. Es erfordert viel mehr Mut, die Angst anzuschauen, sie nicht zu verteufeln und ihr zu zuhören.
Ich konnte mich in etlichen Szenen wiederfinden und nur bestätigen, genauso ist es, genau so fühlt es sich an. Leider begreifen und verstehen das nur wenige, auch Ärzte die dann lieber schnell den Rezeptblock zücken.
Menschen, die Freunde haben oder Verwandte die unter Angstzuständen leiden, werden mitgenommen in deren Welt, und Betroffene finden sich wieder und bekommen selber neue Erkenntnisse. Ich kann das Buch nur empfehlen, es liest sich schnell und fordert geradezu dazu auf, es mehr als einmal zu lesen."

(Leser, 2014)

 

"Habe es sofort durchgelesen. Sehr treffend geschrieben und es hat perfekt zu meiner Situation gepasst. Jeder der mit Panikattacken zu kämpfen hat sollte sich dieses Buch zulegen. Es ist kein Ratgeber, aber es zeigt einem eine Art aus dem Käfig auszubrechen."

(Leserin, 2015)


Maya mein Mädchen

Roman
broschur - 214 Seiten –Wiesenburg - 1. Auflage 2003

 

Bis an die Grenze des Unerträglichen -

Gyde Callesen: Maya mein Mädchen (4. Auflage)
von Vera Gailing, Konstanz, 2006

In: http://www.tiz-online.de/infos/buecher/callesen2006.htm

"Bevor ich gehe, sehe ich in den Spiegel. Kann ich mich sehen? Nein, ich sehe mich nicht, der Spiegel ist zersplittert. Die Splitter sind unwiderruflich voneinander getrennt, nichts wird sie mehr zu einem Spiegel machen. Ich werde die Splitter anschauen müssen." (S.107)
Gyde Callesen erzählt von der jungen Frau Maya, die als 8-jähriges Mädchen von ihrem Großvater mehrfach missbraucht wurde. Bis zu dieser Erkenntnis ist es für Maya aber ein langer Weg, auf dem sie immer wieder und auf verschiedenen Ebenen zu scheitern droht, kämpft zwischen dem Leben und dem Tod.
Wenn Maya versucht, sich an den Zeitraum der traumatischen Erfahrungen zu erinnern, steht sie vor einem "unvollständigen Puzzle" (S. 150) und aufgrund dieser Gedächtnislücken muss Maya erleben, wie bestimmte Reize, z.B. große Hände und Lederhandschuhe sie immer wieder hilflos Gefühlen, wie Panik, Ohnmacht und körperlichen Reaktionen wie Starre und Schwindel preisgeben, sie diese aber nicht zuordnen und so die sich in ihr ausbreitende Leere nicht begreifen kann. Deshalb greift sie zum Ritzen als Maßnahme dafür, zu spüren, dass sie noch am Leben ist.
Oftmals benutzt die Autorin eine sehr poetische Sprache, sie spielt mit den Worten und lässt die Kraft der gewählten Worte auf den Leser wirken.
Das Thema sexueller Missbrauch in der Kindheit und seine lebenslangen Folgen wird von Gyde Callesen vorbehaltlos erzählt und sie schont ihre Leser nicht, in die Gefühlswelt der Protagonistin einzusteigen.
Es fiel mit schwer, die geschilderten Maßnahmen des Psychiaters und des Personals in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie, zu glauben, so krass und am Problem vorbei erschienen mir die Methoden. Doch damit hat die Autorin es geschafft, mich aufzurütteln und für dieses Thema sensibel zu machen.
Besonders gelungen finde ich die Gespräche mit Herrn Z., eine Figur, die Maya erschafft, um sich davor zu schützen, den Konflikt zwischen sich selbst annehmen oder verachten und zwischen Selbstanspruch und Versagensangst nicht in ihren Inneren austragen zu müssen.
Gyde Callesens Roman ist nicht nur äußerst spannend geschrieben, die Autorin schafft es auch, den Leser die Zerrissenheit und innere Übelkeit fühlen, ja sogar körperlich spüren zu lassen, so dass es beinahe unerträglich erscheint, das innere Elend mitzuerleben und man doch nicht aufhören kann, weiterzulesen.

 

Ein rasantes Buch: Maya mein Mädchen

von Berit Lukas , 2005
In: Persona. Zeitschrift über Depersonalisation, Dissoziation und Trauma.

Gleich auf den ersten Seiten des Buches von Gyde Callesen werden wir in eine zerbrochene Welt geführt, ohne lange Vorbereitung, ohne viel Erklärungen. [...]
Die Sprache ist sehr schnell - kurze Sätze, abgehackt - zersplitterte Sätze, die Einblicke geben in eine innere Zerrissenheit und eine besondere Fähigkeit in eine andere Welt abzutauchen. "Wo gar nichts mehr ist. Nichts. Nur Leere, schwarze Leere. Keine Angst, niemand" (S. 8).
Durch die Ich-Perspektive geraten wir unmittelbar in den Sog einer fragilen Psyche. [...]
Als Leser/Innen werden wir mitgenommen in diese Welt, eine Welt, in der es Abgründe gibt und in der wir ständig mit der Angst konfrontiert werden dort hineineinzufallen.
Die Sprache von Gyde Callesen ist voller Bilder, wodurch wir der Einsamkeit von Maya und der gefühlten Ausweglosigkeit sehr nahe kommen. [...] Der Autorin gelingt es, durch diese Unmittelbarkeit die Leser/Innen mit den Schwierigkeiten einer bedrohten Psyche vertraut zu machen.  Eine Frau, die "weit weg" ist, die aus bestimmten Gründen und in bestimmten Situationen erstarrt oder sich auflöst, ein Leben, das einem Puzzle gleicht. Wir müssen nur bereit sein, es zusammenzusetzen.Vielleicht mag es für manche Leser/Innen verstörend sein, so direkt Anteil zu nehmen. Das Buch ist sehr schnell, fast rasant. [...]

 

 Das eigene Leben (er)finden

von Christiane Tilly, Psychosoziale Umschau, 2004

Maya zu lieben bedeutet für ihre Freunde, warten zu müssen, bis die Protagonistin im Kampf um die eigene Identität, von der Reise an den Ort ihrer traumatisierenden Kindheit zurückgekehrt ist.
Der Spannungsbogen des Buches läuft auf diese Reise hin und lässt den Leser mitbangen bei der Entscheidung um Leben oder Tod, die Maya bei der bewussten Begegnung  mit der Vergangenheit trifft.
Der Roman zeichnet eine Aneinanderreihung von Augenblicken aus dem Alltagsleben – wie etwa einer Begegnung mit der Mutter oder dem Freund, Besuch in einem Malatelier bis hin zur Einweisung in die geschlossene Psychiatrie. Überscharfe Wahrnehmung von Details lässt den Blick für das Gesamtbild in den Hintergrund treten. Maya fragt sich: ‚Wo finde ich den Klebstoff, der die Augenblicke zusammenfügt?‘ Ebenso geht es dem Leser, der immer wieder versuchen muss zu entscheiden, ob die auftretenden Protagonisten real sind oder als Halluzinationen wahrgenommene eigene Persönlichkeitsanteile der Protagonistin repräsentieren.
In der fortlaufenden Geschichte findet sich ein zweiter Text, der sich sowohl optisch wie auch inhaltlich abhebt. Ein Theaterstück, vielleicht von Maya. Erst gegen Ende nähern sich die Inhalte der beiden Texte an. Der Leser begreift sich als Publikum für Mayas Lebensstück.
‚Jeder Mensch erfindet irgendwann die Geschichte, die er sein Leben nennt‘ zitiert Gyde Callesen Max Frisch auf der ersten Seite ihres Buches. Die von ihr geschriebene Geschichte zeichnet sich durch ein hohes Einfühlungsvermögen in die Problematik der Protagonistin aus. Ein Roman, der komplex gebaut ist und den Leser manchmal an die Grenze des unerträglich Anstrengenden, Verwirrenden mitnimmt. Das Buch ist vor allem aus literaturwissenschaftlicher Sicht interessant, in den Schilderungen über das Erleben und Verhalten der Protagonistin dürften sich aber auch viele Menschen mit Borderline-Erleben wiederfinden.

 

von Johannes Schulz, Radio Flora, 2004

Der Roman ‚Maya mein Mädchen‘ ist der erstaunlich gelungene Prosaerstling der in Hannover lebenden Autorin Gyde Callesen.
Die 28-jährige, die nach ihren Germanistik- Philosophie und Biologiestudien mittlerweile über den ‚ Wandel der Naturwahrnehmung in der mittelalterlichen Literatur‘ promoviert und neben diversen Lehraufträgen an der Uni Hannover auch schon mal als Dozentin für Kreatives Schreiben tätig war, veröffentlichte bereits zwei Lyrikbände im Wiesenburgverlag Schweinfurt. In dieser kleinen, aber feinen Belletristikedition liegt mit ‚Maya mein Mädchen‘ seit dem Sommer auf knapp 200 Seiten die ungemein dichte, fast distanzlos geschilderte Nacherzählung eines frühkindlich erduldeten sexuellen Missbrauchs und dessen lebenslangen Auswirkungen vor. [...]
Der Autorin, die ihre Hauptperson Maya als Ich-Erzählerin mit einer fast magisch anmutenden Unmittelbarkeit agieren läßt, unterläuft damit nicht eine nur allzu vordergründige moralinsaure Wertung. Der Mangel an üblichen psychologisierenden Erklärungsmustern zieht den Leser in den Bann von Mayas riskanter Selbstfindung, was die Darstellung ihrer inneren Nöte auf drastische Art nachvollziehbar macht. Nach der verstörenden Lektüre von Gyde Callesens ‚Maya mein Mädchen wird es kaum mehr gelingen, der überfälligen Auseinandersetzung mit psychischen Leiden und ihrer gesellschaftlichen Ächtung aus dem Weg zu gehen.

 

von Josiane Kartheiser , 2005

Eine Besprechung des Romans 'Maya mein Mädchen' wird im Juli im öffentlichen Rundfunk in Luxemburg gesendet. Die Redakteurin Josiane Kartheiser schreibt über das Prosadebüt Gyde Callesens:
"...Duerch hire Stil geléngt et der Mme Callesen, eis eranzezéien an dee Chaos, déi Verzweiwelung, dat éiwegt Hin an Hier am Maya senger Perséinlechkeet, woubäi verschidde Symboler, wéi zum Beispill de Spigel, matvill Geschéck agesat ginn, fir dat Gefill vun Onwierklechkeet, vu Realitéits- an Identitéitsverloscht auszedrécken, a gläichzäiteg Raum zeloossen fir déi emotionell a psychesch Aspekter, déi trotz allem jo zum Liewe soen, an um Enn wéinstens d' Méiglechkeet vun engem Ufank vun Heelungundeiten."

 

Leserstimmen

 

"Herzlichen Dank für dieses Buch. Es ist wunderbar geschrieben. Es zeigt, dass Borderline keine Modekrankheit ist, sondern sehr viel mehr. Der ewige Versuch sich zu finden oder zumindest zu spüren.
Ich kann Mayas Gedankengänge nachvollziehen. Es ist das erste Buch, dass das Leben und Denken einer Borderlinerin so schön zeigt.
Ich kann Ihnen als Borderlinerin sagen, dass es mich sehr freut, dass Sie ein nicht ganz einfaches Thema gut aufgegriffen und in ein tolles Buch umgewandelt haben. Unverständnis für uns wird es wohl immer geben. Aber Sie haben einen Schritt gewagt, der auch für Aussenstehende etwas Klarheit bringt. Dafür möchte ich herzlich danken."
(Leserin, 2010)

 

"...Ich wollte ihnen sagen, dass ich gestern ihr buch 'maya mein mädchen' zu ende gelesen habe, und es eins der besten bücher ist, das ich bis jetzt gelesen habe. ich habe gerade mal 2 tage gebraucht... ich werde auf jeden fall noch andere werke von ihnen lesen, also schreiben sie weiter so tolle bücher!!!"
(Leserin, 2012)

 

 „Ich habe das Buch Maya mein Mädchen von Ihnen gelesen und es hat mich wirklich sehr berührt. Sie haben genau das, was ich fühle, geschafft in Worten auszudrücken... Ich bewundere Sie dafür! Und möchte mich bedanken für ein so wundervolles Werk ! Es hat mich zu Tränen gerührt, denn ich selber konnte noch nicht alle Lücken meiner Erinnerungen füllen... Die Art, wie sie dieses Thema beschrieben haben, so einfühlsam, finde ich wundervoll!
Psychische Krankheiten sind etwas, das fast totgeschwiegen wird, und es freut mich, dass es trotzdem Leute gibt, die darüber schreiben, und zwar keine Sachbücher, sondern Geschichten, wie es den Betroffenen geht. Sie haben vielen Leuten eine Stimme gegeben, die das selber nie hätten so ausdrücken… Ich wollte Ihnen schon vor langem schreiben, aber ich kam nie dazu, jetzt habe ich es gemacht :) und danke Ihnen für das überaus gelungene Buch!“
(Leserin, 2012)

 

„Empfehlenswert!
Ein Buch, das einfach zum Weiterlesen zwingt.
Mich hat es sehr gefesselt - aber teilweise auch erschüttert.
Es geht um eine Frau, die sich irgendwann auf die Suche nach ihrer Vergangenheit macht - da ihr Leben zu verworren ist und sie sich nicht einordnen und einleben kann.
Ein sehr zu empfehlender Roman für alle, die an psychischen Verworrenheiten interessiert sind.“
(Leserin, 2013)

 

 

 

Maya mein Mädchen

Roman
broschur - 214 Seiten –Wiesenburg - 1. Auflage 2003

 

Leserstimmen

 

"In zwei 'Nachtschichten' habe ich dieses Buch verschlungen. Es war ein sehr intensives Erlebnis. Ich kann mich an kein anderes Buch erinnern, in dem eine Ich- Erzählerin so schonungslos offen und nackt berichtet hat. Absolut ohne Schnörkel und Theatralik und auch ohne eigene Wertung erzählt die Hauptperson Maya ihre Geschichte. Dabei wird langsam Stück für Stück aufgeblättert, mit welchen Mechanismen diese junge Frau versucht sich zu schützen gegen das, was sie erlebt hat.Hammerhart in manchen Formulierungen: "Ich könnte mich zurückschicken und reklamieren. Nicht überlebensfähiges Produkt." So zum Beispiel schildert die Autorin kurz und prägnant die Selbstzweifel ihrer Figur. Kann man Verzweiflung und Gesellschaftskritik noch kürzer formulieren? Die Geschichte wird sprachlich auf den Punkt gebracht. Trotzdem kommt der Humor nicht zu kurz und das Buch ist spannend geschrieben !
Der Autorin ist es gelungen, ihren ganz persönlichen Sprachstil nicht nur in der Lyrik, sondern jetzt auch in ihrem ersten Roman zu entwickeln und auszubauen.
Prädikat: sehr lesenswert !"

(Leserin, 2003)

 

"Gestern habe ich Maya mein Mädchen fertig verschlungen. Danke für dieses Buch. Es hat meine Seele berührt, beflügelt, entsetzt."
(Leserin, 2004)

 

"Ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll. Ich möchte so viel sagen, aber ich meine Worte wären zu schwach, um das zu vermitteln, was ich wirklich sagen möchte. Ich möchte Ihnen danken für dieses Buch, Maya mein Mädchen. Ich liebe Bücher. Sie sind meine große Leidenschaft. Sie helfen mir Worte zu finden, die ich in mir trage, aber nicht ausdrücken kann. Sie schreiben in ihrer Danksagung von Menschen, die auf dieses Buch gewartet haben. Ich zähle mich zu diesen Menschen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Worte, für dieses Buch, für Sätze, die offen, direkt und messerscharf sind. Ich selbst bin betroffen, bin Borderliner. Ich las Ihr Buch in einem Zug durch, obwohl ich es immer wieder für eine kleine Pause beiseite legen musste. Es hat so weh getan, mich aufgewühlt, aber mich auch nicht mehr losgelassen.
Danke.
In aufgeregter Erwartung Ihrer zukünftigen Werke."
(Leserin, 2004)

 

"verrückt sein schmeckt nach grapefruit: bitter. süss nur, wenn man zucker darüber streut."
"maya, mein mädchen" ist in einer sehr poetischen sprache geschrieben, trotzdem offen und direkt. das problem einer borderlinestörung als folge einer schrecklichen vergangenheit wird so lebensecht beschrieben, wie ich es als betroffene noch nie zuvo in einem anderen roman gefunden habe. traurig, spannend, mit- und zerreissend.
Durch und durch empfehlenswert!
(Leserin, 2005)

 

"Ich bin noch ganz unter dem, Eindruck der Lektüre Ihres großartigen Buches "Maya mein Mädchen". Ich bin Psychiater und Psychotherapeut in Österreich und beschäftige mich seit Jahren mit Borderline, Traumafolgeerkrankungen, dissoziativen Zuständen usw. Endlich ein Buch, das die innerseelische Dynamik bedrückend klar beschreibt und man weiter empfehlen kann.
Ich danke Ihnen für dieses Leseerlebnis."
(Leser, 2005)

 

"... Vor einiger Zeit bestellte ich mir "Maya mein Mädchen" bei amazon...
Die Produktbeschreibung und der Textauszug schienen jedenfalls sehr ansprechend - und ich wurde nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil, all meine Erwartungen wurden noch übertroffen. Ich besitze das Buch noch schon seit einiger Zeit und kann nicht mehr zählen, wie oft ich es gelesen habe. Wie oft ich darin herumgeblättert habe, weil ich etwas brauchte, woran ich mich festhalten konnte. Ich lese viel und gerne, aber bisher hat es kein Buch geschafft, mich in dieser Art und Weise zu fesseln, anzusprechen, zu verstehen. ... Ich könnte unzählige Beispiele und Textbelege heraussuchen, um zu demonstrieren, wieviel mir dieses Buch bedeutet und wieviel es mir bedeutet, dass Sie es geschrieben haben. ..."Maya mein Mädchen" ist für mich in seiner Gesamtheit soviel mehr als nur ein Buch, soviel wertvoller als ein Haufen bedrucktes Papier.
Als ich mich heute zufällig bei amazon umsah, bin ich auf Ihre Kurzgeschichten- Sammlung "Käfer sind ungerade" gestoßen und habe sie mir sofort bestellt. Sozusagen als "Geburtstagspräsent an mich selbst", denn in 6 Tagen darf ich mich offiziell als volljährig bezeichnen. Und ich hoffe, dass Ihr Buch bis dahin ankommt. Es wäre ein wunderschönes Geburtstagsgeschenk... "
(Leserin, 2007)

 

"Ich finde das Buch "Maya mein Mädchen" nicht nur toll, sondern einfach genial!
Das ist mit Abstand das beste Buch, das ich je gelesen habe! Sie schreiben in dem Buch einfach fern von Klischees, schreiben die Fragen auf, die man sich selbst stellt, sprechen das aus, was eigentlich ein Tabu ist. Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll, aber Sie schreiben so nah...
Man ist genau in Mayas Kopf, kann perfekt nachvollziehen, warum sie Dinge tut, wie sie fühlt und denkt...
Dann habe ich Ihr Buch gelesen und nach weniger als einer Woche hatte ich es durchgelesen und bin mehr als nur begeistert!
Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Dieses Buch ist einfach super! Ein Buch, in das ich mich fallen lies.
Danke für dieses Buch!"
(Leserin , 2007)

 

"Genial! Ich habe noch nie ein Buch gelesen, das mich so zum Weiterlesen gedrängt hat, wie dieses. Man kann es absolut nicht zur Seite legen, man muss einfach wissen, was weiter geschieht...
Das Thema mag vielleicht nicht jedermanns Sache sein, aber selbst jemand der damit eigentlich nichts anfangen kann, wird die Geschichte verstehen (und damit meine ich "mitfühlen"). Nur zu empfehlen!" (Leserin, 2007)

 

"Absolut empfehlenswert!
Das Buch ist so spannend, dass ich es in wenigen Stunden verschlungen habe. Ich als Betroffene hätte nicht gedacht, dass die Störung so authentisch dargestellt werden kann. Maya, die Hauptperson, leidet an der Borderline-Persönlichkeitsstörung und berichtet von ihrem Leben mit dieser Krankheit. [...]
Das Gefühlsleben einer Borderlinerin wird überzeugend geschildert, das ewige Auf und Ab und die phasenweise Distanz zum eigenen Körper wird so dargestellt, dass es auch jemand versteht, der mit dem Störungsbild nicht so vertraut ist.
Ein sehr empfehlenswertes Buch!"
(Leserin, 2008)

 

"Ich möchte Ihnen vielmals für Ihr Buch "Maya mein Mädchen" danken. Ich bin selbst Borderlinepatientin und habe ewig einen Weg gesucht, dies meinem Vater zu erklären. Ich habe Nächte nach den richtigen Worten gesucht und sie nicht gefunden. Durch Zufall bin ich dann durch einen Tip in einem Forum auf Ihr Buch gestoßen. Ihre Art zu schreiben macht es für Angehörige möglich zu verstehen!!
Nun brauche ich keine Worte mehr suchen. Ich habe ihm das Buch geschenkt und er hat verstanden!"
(Leserin, 2009)

 

„Gyde Callesen lässt einen in die absolut bewegende Gefühlswelt der jungen Frau Maya einblicken, die an der Borderline Persönlichkeitsstörung erkrankt ist. "Dazwischen. Mein Lebensraum ist das namenlose Dazwischen. Zu krank, um tadellos zu funktionieren. Zu gesund, um auffällig zu sein." Noch nie habe ich etwas gelesen, was das unstetige und chaotische Innenleben eines Borderliners besser in Worte gefasst hätte. Die Zauberhaftigkeit von Gyde Callesens Sprache lässt sich in jeder einzelnen Zeile wiederfinden und auf jeder Seite entdeckt man wieder etwas Neues, was einen berührt. In meinen Augen ein absolutes Meisterwerk, welches ich schon mindestens fünfmal gelesen habe.“
(Leserin, 2009)

 

"Nimmt man einen Roman zur Hand, der es sich zum Ziel gemacht hat, die Erfahrungen einer Borderline-Betroffenen zu schildern, befürchtet man immer auf altbekannte Klischees zu treffen. Diese Befürchtung ist im Fall von "Maya mein Mädchen" absolut unbegründet, denn der damals erst 26jährigen Autorin Gyde Callesen ist gelungen, was wenigen gelingt: Ein authentisches gefühlvolles Buch mit einem Spritzer Humor auf der einen Seite und vielen aufwühlenden, eindringlichen eventuell sogar triggernden Passagen auf der anderen. Von Interesse ist weniger die Diagnose "Borderline" an sich - sie fasst nur die Symptome unter einem Oberbegriff zusammen, dem sich dann Ärzte, Psychiater und Therapeuten bedienen -, sondern eher das, was auf den 202 Seiten in Mayas Seele vor sich geht. Man nimmt als Leser/in an ihren quälenden Depressionen teil, an der Entfremdung, an den Momenten, in denen sie sich durch die Klingen auf ihrer Haut spürt, an der Verzweiflung, an ihrer Angst vor dem Leben, ihrer inneren Zerrissenheit. Man spürt deutlich, dass sie Angst davor hat von ihrer traumatischen Vergangenheit eingeholt zu werden und ahnt, dass ihre Krankheit ein Zeichen dafür ist, dass dieser Prozess längst in Gang gekommen und nicht mehr aufzuhalten ist. Gyde Callesens Roman "Maya mein Mädchen" lädt Menschen, die selbst von Borderline oder auch einer verwandten Erkrankung wie z.B. der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) betroffen sind, dazu ein sich mit der jungen Protagonistin Maya zu identifizieren, ohne sich zu verlieren. Eltern, Lehrer, Freunde, Verwandte, die sich für das Seelenleben eines Borderliners interessieren oder Menschen, die einfach nur mehr über die Hintergründe dieser psychischen Erkrankung und ihre (möglichen) Erscheinungsformen erfahren möchten, erhalten einen guten fundierten Einblick. Das Buch ist so offen und direkt geschrieben, dass es zwangsläufig u.a. das Ziel verfolgen muss, die Denk - und Verhaltensweisen von Borderlinern nachvollziehbarer erscheinen zu lassen und Verständnis für ihre belastende Situation zu wecken. Viele, wenn auch nicht alle, sind in ihrer Kindheit und Jugend traumatisiert worden, nicht wenige sind Opfer von Mißhandlung und/oder sexuellem Mißbrauch. Insgesamt ganz sicher kein "Feel-Good"-Buch, sondern anspruchsvolle poetische Zeilen, die ein Nach - und Mitdenken erfordern. Nicht jedermanns Sache, aber ganz bestimmt meine. Aus diesem Grund vergebe ich fünf von fünf möglichen Sternen und spreche eine Empfehlung aus."
(Leserin, 2010)

 

„Jetzt um zwei Uhr nachts bin ich mit ihrem Roman "Maya mein Mädchen" durch…

 Ihr Buch hat mich so sehr gefesselt und so sehr berührt! Sie haben es geschafft diese unglaublich schmerzhafte Welt der Gefühle, bzw. der Krankheit in Worte zu fassen! Meine Geschichte ist anders, aber im Grunde genommen doch dieselbe die Sie Maya gegeben haben. 

 Es ist ein so anstrengender Kampf mit den Erinnerungen klar zu kommen, dieser durchgehende Druck, der Wunsch zu fühlen, diese ständige Entfremdung von dem Ich und doch muss man wie jeder "andere" im Alltag leisten.

 Ich möchte Ihnen einfach nur sagen wie treffend Sie Ihren Roman verfasst haben und ich Ihnen dankbar für dieses Buch bin!

 Wenn man liest was man selbst nicht in Worte fassen kann, weiß man das man nicht alleine ist. „ (Leserin, 2013)


Flamingos am Abendfenster

Gedichte
Hardcover - ca. 130 Seiten - LyrikEdition Wiesenburg - 2010
ISBN 978-3-942063-48-7
Euro 16,80

 

Was der Mensch sein mag, und was er ist

von Susanne Haupt, langeleine.de, 2010

Was kann man von einem Menschen, der sich bereits im jungen Alter von zwölf Jahren dazu entschied, Schriftstellerin zu werden, sagen? Gyde Callesen entschloss sich früh und rückte nicht eine Sekunde von ihrem Traum ab.
Mittlerweile ist ihr siebtes Werk erschienen, und in einer Zeit, wo Lyrik in manchen Augen nicht mehr zu sein scheint als Schillers Glocke, belegt sie mit "Flamingos am Abendfenster" die geballte Kraft der Worte. Einige ihrer Gedichte sind von unvergleichbarer poetischer Intensität, andere wiederum setzen sich kritisch mit den heutigen Werten auseinander.
In ihren Texten geht es um das Sich-Selbst-Wiederfinden, um Leistungsdruck, um die Hetzjagd nach Geld und um falsches Glück. Und darum, wie sich Menschen heute selbst definieren.
Durch stetiges Interesse an freien Künsten, der Philosophie und anderen fernöstlichen Lebensweisen erarbeitete sich Gyde Callesen während ihrer verschiedenen Schaffensphasen sozusagen einen Blick von oben: Fast wie ein Vogel kreist sie mit der Sprache über den gesellschaftlichen Missständen, ohne jedoch dabei den erhobenen Zeigefinger hervorzuholen.
Als gebürtige Flensburgerin ist die Autorin nicht nur ein weiterer Beweis, dass Lyrik mehr als eine Jahrhunderte alte verstaubte Truhe ist, in der nur Herren modern, die längst das Zeitliche gesegnet hat, sondern auch ein Glanzlicht der hiesigen Lyrikszene.
Das geschriebene Wort kann also doch noch jenseits von Zeitungen und Romanen existieren und sich wieder in poetische Betten legen lassen. Beobachten wir also die Flamingos am Abendfenster!

 

Sprachgewohnheiten auf die höchste Probe gestellt

Gyde Callesens 'Flamingos am Abendfenster'

von Adam Jarosz, Marburg, 2010

Gyde Callesen (1975), eine Autorin, die in ihrer Gedichtsammlung "Flamingos am Abendfenster" bereits mit dem Titel die tiefsten Schichten unserer Erfahrung berührt, da dieser Unausgesprochenes, nur rein Erfühltes zu artikulieren sucht.
Diese Momente, kaum fassbar, "augenblickkurz" erlebt, wie es im Gedicht camera obscura heißt, tauchen auf, vergehen und sind doch in uns, ewig, einer unterirdischen Quelle, einem mare tenebrarum , gleich. Eine Unmöglichkeit einer vollkommenen Erfahrung von Welt und Sein kommt immer wieder, quasi zwischen den Zeilen geahnt, zum erfühlbaren Ausdruck.
So wird etwa ein Gefühl eines Dazwischen und eines nicht mehr Da-Sein-Könnens, einer Grenz-Erfahrung von Hier und Da im Gedicht traumbar äußerst prägnant zur Sprache gebracht.
Das Ich erliegt gleichsam einem wellenden Bezug von Spürbarem, Erfahrbarem und erfasst zugleich die Unzulänglichkeit seiner selbst: "ein zu enger körper in / zu offener landschaft". Ja, Callesens Ausdrucksreichtum scheint an dieser Stelle die äußerste Grenze des Ausdrückbaren zu überschreiten
Eine ewige Spannung zwischen eigenem "können" und wollendem "sein" wird wie selten in nur wenigen Zeilen des kurzen Gedichtes in die Erfahrung des Lesers meisterhaft gebracht [...]
Sie streckt einen Spiegel hin, der keine Lüge verträgt [...]
Doch es kann gleichermaßen durchaus provokativ und künstlerisch genug perfektioniert zugehen, liest man etwa die Verse des Gedichtes semikolon: "es war / ein- / mal ich", die vor uns wie ein Filmstreifen des Lebens kaleidoskopartig ziehen. Im da capo wird dagegen in einer beispiellosen Aufeinanderreihung ein Wortspiel ausgefochten, welches den Leser einer rückwärtsgewandten Kettenreaktion unterzieht, die ihn in die Ursprünge seiner Entscheidungen lenkt.
Damit dürfte Callesen genau das Vorhaben zu subsumieren, welches über die Seiten sich streckt: Ein Lesen, das die bisherigen Sprachgewohnheiten auf die höchste Probe stellt, in dem sich auch Welten ungeahnter konnotativer Bezüge öffnen und den Schaffensprozess mit jedem Vers aufs Neue in Bewegung setzten.

 

paradiesäpfel angebissen

Gedichte
Hardcover - Wiesenburg LyrikEdition - 2007
ISBN 978-3-939518-67-9
Euro 16,80

 

Buchempfehlung

von Agis Sideras, Wortnetz, 01/08, 2011

Die Lyrik ist wieder Thema im deutschen Feuilleton. Zwar verkaufen sich Gedichtbände immer noch nicht angemessen, aber es gibt eine junge, zeitgenössische Lyrik, die, wenn wir ihren Werbern und Bewunderern glauben dürfen, hochspannend und von immenser Qualität sei. Der Preisregen, der in der letzten Zeit über ihre Vertreter niederfiel, scheint für sich zu sprechen. Wer wissen will, mit welcher Clique und was für einer Art Literatur man es hier zu tun hat, dem seien die letzten beiden Ausgaben der Zeitschrift BELLAtriste ans Herz gelegt, vor allem Gerhard Falkners böser und ehrlicher Essay ,Das Gedicht und sein Double' in Nr. 19. 
In diese Diskussion begibt sich nun auch die 1975 geborene Callesen mit ihrem neuen Lyrikband - und bezieht eindeutig Position. Im ,Ratgeber für junge Lyriker' empfiehlt sie ironisch: "schreib über die natur/ das ist sicherer/erfinde metaphern/ entferne den sinn/das ist besser/für die karriere/schweige von den dingen/und zelebriere die form/um zu vergessen/dass worte einmal etwas/bedeutet haben könnten".
Damit kritisiert sie treffend und völlig zurecht jene neue Lyrik, von der oben die Rede war. Gegen virtuos gehandhabte Worthülsen setzt sie Inhalt und Gefühl. Wir beobachten in ,paradiesäpfel angebissen' eine konsequente Hinwendung zum politischen Gedicht und die Verteidigung der Sinnlichkeit in den verschiedensten Facetten. "was sind das für zeiten/wo ein gedicht über gefühle fast ein verbrechen ist/ weil es die seele des menschen miteinschließt" dichtet Callesen ,frei nach brecht'. "der liebende hat den geist der zeit nur noch nicht begriffen" wird bitter konstatiert.
Kennzeichnend für Callesens Werk ist die thematische und stilistische Vielfalt. Wir finden auffallend viele poetologische Gedichte (polemisch im bereits erwähnten Sinne), politische/ zeitkritische Gedichte, Liebesgedichte, Alltagslyrik und letztlich doch auch eine Vielzahl hermetische Poeme. Die Autorin gehört also nicht zu den Dichtern, die den einmal gefundenen Ton wiederholend variieren (berühmtes Beispiel: Celan), sondern pflegt mehrere lyrische Sprechweisen. Darin folgt sie Helmut Krausser, dessen Kritik der ,Angst vor der Verständlichkeit', mit der er die ach so schwierigen Lyriker vor einigen Jahren angriff, sie sicher zustimmen würde.
Die Tendenzen, die ich skizziert habe, sind Callesen so wichtig, dass sie in einem ,Unlyrischen Epilog' am Ende des Buches in klaren Worten ihre dichterische Position verdeutlicht. Es bleibt abzuwarten, wie die junge deutsche Lyrik sich entwickeln wird, und in welcher Weise ,paradiesäpfel angebissen' in diese Entwicklung eingreifen kann. Callesen hat den Finger auf eine Wunde gelegt. Zum Schluss soll aber die Lyrikern selbst das Wort haben, und zwar mit einem der besten Poeme des Bandes, ,technologie' betitelt:
"ich hatte die nacht auf dem stundenzeiger verbracht/in der langsamen unmerklichen/ bewegung vergehender zeit/und hatte gehofft dabei zu erkennen/dass worte langsamer sterben als minuten/hatte dann aber dich entdeckt/auf der turmuhr gegenüber/zu weit weg um zu rufen ich liebe dich/ auch wenn ich dich nicht kenne/ich komme aus einer anderen zeit".  

 

Meine Lese-Empfehlung!

Gyde Callesen, paradiesäpfel angebissen
Ein Brief statt einer Besprechung ...

von Helge Mücke, Journalist, 2008

[...]
Da saß ich denn nun auf der Rückfahrt in der Straßenbahn und versuchte, Paradiesäpfel anzubeißen - will sagen, blätterte in Ihrem Lyrikband "paradiesäpfel angebissen". Und biss mich fest! (Ich hoffe, Sie verzeihen mir die simplen Bilder; mehr ist mit Journalistenpoesie nicht drin ...)
Immer wieder einmal ist vom lyrischen Ich die Rede. Das lyrische Ich ist in Wahrheit ein lyrisches Du - für mich, den Leser. Am liebsten würde ich, solange ich mich mit den Gedichten beschäftige, "du" sagen, aber das traue ich mich natürlich nicht, ich würde mich aufdrängen ...
Wieviel Nähe kann eine dichtende Autorin (ein Autor) durch ihre (seine) Gedichte herstellen? Kommt der Leser (die Leserin) nahe durch die Gedichte selbst? Oder durch die biografischen Notizen: geboren in Flensburg? Oder durch die Sprechweise beim Lesen? "als das lyrische ich noch ich gesagt / und von du gesprochen hatte / bevor das als naiv galt ..." (aus "memoiren des lyrischen ich"). Bin ich eben naiv, na und? "da hatte es noch gedichte gegeben" heißt die Schlusszeile. Zum Glück gibt es trotzdem noch Gedichte. Sie trotzen dem Zeitgeist, werden es immer tun.
Gedichte: immer auch ein Mittel des Widerstands. 
Widerstand gegen die Selbstvergessenheit z.B. (denn wer "selbstvergessen mit den Worten" spielt, hat doch gleich schon der Selbstvergessenheit widersprochen) (s. "hypothesen"). Oder Widerstand gegen die Dramen ("adagio"), gegen den Unglauben und Falschglauben ("jeden tag begottet"), gegen die Norm-Designer (Titel genau so). Aber nicht nur Widerstand natürlich. Was soll man schon gegen den "pH-Wert" sagen? Fragen an die Landschaft werden gestellt, über die Meerfreiheit wird nachgedacht - vielleicht eine andere, indirekte Form von Widerstand?
Aber vielleicht gehe ich - Ihr lyrisches Du - zu weit, wenn ich gerade diesen Blickpunkt so hervorhebe. 
"wirklich, du lebst in kalten zeiten! / das arglose gefühl ist naiv: sehnsucht / deutet auf blindheit hin. der liebende / hat den geist der zeit / nur noch nicht begriffen ..." ("an die nachdichter - frei nach brecht", im Original von Gyde Callesen heißt es aber "ich lebe").
Da ist er wieder, der Geist der Zeit. "was sind das für zeiten / wo ein gedicht über gefühle fast ein verbrechen ist ..." Gut, dass du noch Gefühle hast (finde ich). Und darüber Gedichte schreibst.
Und: muss es immer gleich um Paradiese gehen? Aber nein, es geht ja um Paradiesäpfel. Solche, die zum Sündenfall geführt haben. Und sie werden ja nur angebissen - und dann weggeworfen? Mit Gedichten stehen wir doch immer an der Grenze, balancieren auf ihr, und müssen doch scheitern.
Danke, Gyde Callesen, für diese Gedichte.
Ich fand sie sehr anregend und werde sie weiter bewegen.

 


Käfer sind ungerade

Kurzgeschichten

broschur - 140 Seiten - Wiesenburg - 2006
ISBN 3-937101-91-8
Euro 14,00

von Sabine Prilop, Verband deutscher Schriftsteller, 2007

Gyde Callesen hat in ihrem neuen Buch ,Käfer sind ungerade' 27 Kurzgeschichten veröffentlicht. Sie handeln von Menschen: Frauen, Männern, Kindern. So simpel sich das anhört, so nuancenreich, vielschichtig und filigran klingt es bei Callesen.
Dass sie kurz und komprimiert schreibt, die Dinge auf den Punkt bringt, das überrascht bei einer Lyrikerin nicht. (Ihre Fähigkeiten, längere Prosa zu verfassen, hat sie mit ihrem Roman ,Maya mein Mädchen' allerdings auch schon bewiesen.) Vielleicht bedient Gyde Callesen mit ihren kurzen Geschichten den mainstream, aber auch hier gibt es gekonnt schreibende Autoren und die, die es weniger gut beherrschen.
Ich habe Gyde Callesens Geschichten gern gelesen. Sie sind erfrischend unterschiedlich, spannend und selbstbewusst.
Die Autorin widmet sich den großen Themen des Lebens; Abschied, Tod, Liebe, Sie transportiert sie facettenreich, mal ins Übersinnliche, dann wieder in das Abgründige des menschlichen Daseins. Unangestrengt versetzt sie sich in die von ihr geschaffenen Charaktere. Geschickt spielt sie dabei das beliebte Katz- und Mausspiel zwischen Leser und Autor, das da lautet: Inwieweit finden sich zwischen den Zeilen autobiographische Züge?
Am stärksten sind die Geschichten, die Konkretes nur am Rande streifen, wie zufällig berühren. Hier erweist sich Gyde Callesen als Meisterin des Erzählens. Ihre Sätze schwingen. Ihre Worte folgen einer leisen, ergreifenden Melodie. Ihre Metaphern sind  neu und leicht.
Gerade diese Metaphern stehen ganz im Gegensatz zu der manchmal zu heftig melancholischen Schwere in einigen der handlungsstärkeren Texte.
Zur erwähnten Leichtigkeit zwei Beispiele aus meinem Lieblingsstück ,Schattenlose Erinnerung': "Ich bin in einem Augenblick hängen geblieben, in einem Wimpernschlag. Vielleicht waren es nur Bruchteile von Sekunden. Ich kann diesen Wimpernschlag nicht vergessen, der mein Leben änderte."
Oder, später im Text: "Hingabe an eine stumme Sprache. Sprachsamen auf meinem Körper.  Die Befruchtung unserer täglichen Einsamkeit. Die Uhr läuft weiter und entfernt mich immer mehr von den kurzen Momenten geflossenen Weins."
Ich wünsche diesem Buch den Erfolg, den es verdient, und ich wünsche mir noch viele Geschichten von Gyde Callesen für meinen Bücherschrank.

 

Zwischen dem Ungesagten und dem Ungezeigten -

Gyde Callesen: Käfer sind ungerade

von J. Kuschny, Konstanz, 2006

Lebenssituationen, geprägt von Einsamkeit obwohl um einen herum das Leben tobt.
Wer kennt sie nicht, die Momente, in denen einen die Gedanken oder Erinnerungen an vergangene Zeiten, geliebte Menschen oder gar den Tod in eine andere Welt zu entführen versuchen?
"Käfer sind ungerade" von Gyde Callesen beschäftigt sich in mehreren Kurzgeschichten mit Momenten, in denen wir abzudriften scheinen in der Frage, woher und wohin. Mit Menschen, die ihren Standpunkt in einer Welt suchen, die sie nur schwer begreifen können. Hin und hergeworfen von all dem, was Leben heißt, nämlich Liebe, Verzweiflung, Schicksal, Entwicklung, Sterben und Tod.
Da ist ein einsamer Hotelgast, der tagelang die Decke seines Zimmers anstarrt, eine Frau vergessen will, von einer anderen seltsam surrealen Frau Besuch bekommt, der er blindlings in die nächtliche Stadt folgt um schließlich mit der Vergangenheit, die ihn mit der realen Frau verbindet, abzuschließen.
Ein kleiner Junge, der durch den Anblick einer überfahrenden Katze, ein tiefst beeindrucktes, ja fast traumatisiertes Verhalten an den Tag legt, und durch dieses Erlebnis bedingt, sogar das Wort "Katze" aus seinem Wortschatz streicht, bis er mit Hilfe von den Kaninchen seiner Schwester durch deren lebhaftes und intaktes Erscheinen aus eigener Kraft dieses Trauma zu überwinden scheint.
Ein junger Scherben sammelnder Franzose, will eine blaue Scherbe finden - DIE blaue Scherbe in seinem Leben, das geprägt ist von braunen, weißen und grünen Scherben- eben dem totalen Alltagstrott.
Das Buch entführt uns in die bizarre Gedankenwelt unserer Mitmenschen. Dabei fällt dem Leser aber auf, dass dies genau die Welt ist, in der auch er lebt...
Die Autorin verwendet für die Erzählungen ihrer Kurzgeschichten den Blick, den sie auch als Fotografin nutzt, die Welt und ihre Umwelt zu betrachten und Szenen aus dem Gesamten herauszuschneiden. Sie fokussiert dabei ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den Augenblick.
"Fotos leben von dem Ungesagten und Ungezeigten", sagt sie in einem Interview. Genau das spiegelt sich wieder in "Käfer sind ungerade".

Käfer sind ungerade

Kurzgeschichten

broschur - 140 Seiten - Wiesenburg - 2006
ISBN 3-937101-91-8
Euro 14,00

 

Fantastische Erzählungen
von Johannes Schulz, Journalist, 2006
Radio FLORA, Hannover, 106,5 Mhz, Erstsendung: 11.06.2006, 14:00 Uhr, Literaturszene Hannover

"Die Uhren gehen genauso schnell. Auch die Wolken ziehen nicht schneller. Ich suche nach Veränderung und finde alles gleich vor. Zumindest die Vögel müssten lauter singen, aber es ist Herbst, und sie sind fortgezogen. Die Zeitungen haben dieselben Schlagzeilen. Die Welt in ewigem Schlaf."
Diese Eröffnungssequenz aus der kurzen Erzählung "Schattenlose Erinnerung" könnte als Panorama für einen Großteil der erzählerischen Petitessen in Gyde Callesens neuer Sammlung Kurzgeschichten mit dem Titel "Käfer sind ungerade" stehen. Die Welt im Sekundenschlag zäh verrinnender Zeit, alles in fortwährend  gleichem Verlauf, aufgebrochen eben nur durch die seltenen Momente der Zeitlosigkeit, die individuell zustoßen, dann, nur dann nämlich passiert das, was Leben heißt, Liebe, Entwicklung, Schicksal, Sterben, Tod, Entgrenzung.
Wieder ist der in Hannover lebenden Autorin ein Buch gelungen, das verstört,aufwühlt, in die eigenen (Lese-)Gewohnheiten einbricht.
"Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, sinniert der glasscherbensammelnde Alain, ich würde alle Scherben nachzählen, und unter ihnen wäre vielleicht eine blaue!"
Einmal nur noch, in all dem Einerlei aus weißen und braunen Scherben, dem scheinbar vorbestimmten Grau-in-Grau, bietet sich vielleicht der Weg hinaus, ins Freie, Offene. Das heißt für die Totkranke in der Erzählung "Minotaurus" zum eigenen kindlich-heiteren Gott Jandua finden, das heißt für die Einsame im Café sich des einen rauschenden Abends erinnern, der für den Rest des Lebens reichen muss, der das Leben aus seiner Eintönigkeit drehte und die unerbittlichen Gesetze der Zeit brach, das heißt aber auch für das junge Mädchen nach dem Beinahe-Missbrauch durch den Stiefvater, nie wieder Kind sein können und zum eigenen Frau-Sein ein gestörtes Verhältnis entwickeln.
Manchmal entstehen so mit den starken Bildern der höchstens 6 Seiten langen Geschichten ganz unmittelbar komplexe Gegenwelten, die völlig ohne Anleihe an verschwiemelte Esoterien plausible Alternativen entwickeln.
"Der Umweg ist der kürzeste Weg", lautet ein chinesisches Sprichwort.
"Vielleicht kann Treibgut nur Wege kopieren, weil es kein Ziel hat", so lautet erstmal Gyde Callesens Kritik an all jenen, die die Mühen eines eigenen Weges scheuen, und das scheinen nicht wenige zu sein. Denn um zu sich selbst, seinen ureigenen Ressourcen und Bestimmungen zu finden, bedarf es des Bruches, des Einbruches in den Trott, das Gewohnte, zu Sichere, mitunter so schmerzhaft, dass sogar der Tod nur Linderung verspricht.
Eine kurze metaphorische Erzählung ragt etwas hervor, wie etwas sperrig Schmerzhaftes. In "Irgendwo in Deutschland - Eine Inventur" geht es mit der Zäsur des Jahrtausendwechsels zugleich um eine Inventur der Sprache, die zum Schrottplatz verkommen scheint. Sprachmüll aus Rosemarie Pilcher und Bildzeitung, zerdellter Schiller; Glaube, Liebe, Hoffnung als verbeulter Motor, all das steht der Entscheidung, heute noch Dichter zu werden / zu sein im Wege. Akuter Sprachtod oder weiteres Idealisieren, ein Dilemma für viele, denen Sprache noch wichtig ist. Realität ist oft namenlos, grausam. Sprache als Flucht vor der Wirklichkeit, die wir uns schön reden müssen, um sie zu ertragen.
Wer wissen will, warum  Käfer ungerade sind und Birkenrinde weiblich sein muss, lese sich durch die bizarr-schönen Sprachlabyrinthe Gyde Callesens.

 

Den roten Faden gefunden -

Literatur aus Hannover von Gyde Callesen
von Kathrin Tegtmeier, 2006

...Ihren roten Faden hat Gyde Callesen gefunden. Mit einer klaren Sprache und auf überwiegend nur drei bis fünf Seiten gelingt es ihr, die Leser in den Alltag der Protagonisten zu entführen. Einen Alltag, der manchmal abstruser erscheint als er ist, obwohl er einem letztendlich doch bekannt vorkommt. Irgendwie. Callesen fasst Lebensläufe zusammen und beschreibt Ausschnitte aus Lebenssituationen. Manche sind herrlich skurril, zum Schmunzeln und mit einem Augenzwinkern bedacht, andere sind erschreckend und weniger lustig. So zeigt die Autorin, dass sie das humorige Schreiben ebenso beherrscht wie den Umgang mit ernsten Themen...
Das Buch ist genau richtig für einen blauen Nachmittag in der Hängematte. Es ist genau in diesem Zeitraum durchzulesen. Und es würde einen nicht wundern, wenn plötzlich ein Marienkäfer vorbeigeflogen kommt, sich auf das Buch setzt und seine ganz eigene Interpretation darüber abgibt, was es mit den (ungleichen) Punkten auf dem Rücken den nun wirklich auf sich hat.

 


Der Fluss unter dem Fluss

Gedichte
gebunden - 110 Seiten –Wiesenburg - 2004

ISBN 3-937101-42-X
Euro 14,80

 

von Johannes Schulz, Kulturredakteur Radio Flora, 2005

Erstsendung:13.2.2005,14:00 Uhr, Literaturszene Hannover, Radio FLORA

Den kleinen Worten, aber auch dem Unsagbaren hinterherspüren, die Mühsal des Erinnerns mit dem Schauder der Sprachlosigkeit in Dialog setzen, selten wurde besser die hermetische Aufgabe des Lyrikers umschrieben, das Spannungsfeld des Wortes zwischen Augenblick und Unendlichkeit charakterisiert. Wenn am zweiten Märzwochenende in Darmstadt im Rahmen des Literarischen März 2005 eine illustre Jury aus Mitgliedern wie Raoul Schrott, Brigitte Oleschinski oder Kurt Drawert über die Vergabe des Leonce- und Lena-Lyrikpreises befinden wird, ist zu hoffen, dass sie Gyde Callesens 'Zwiegespräch' berührt hat. Entnommen ist das im besten Sinne wortkarge Poem Gyde Callesens drittem Gedichtband 'Der Fluss unter dem Fluss', der seit Dezember im Wiesenburg-Verlag vorliegt. Häufig greift Gyde Callesen in ihren Texten die fragilen Altlasten Erinnerung, Enttäuschung oder Verletzung auf, entwickelt über sie Mutmaßungen, Anspruch oder Kritik.
Jenseits von Gefühligkeiten oder Befindlichem wirkt selbst das scheinbar Profane, Alltägliche in manchen Zeilen exemplarisch, archetypisch.
Trotz gelegentlicher Wortspiele oder Alliterationen verlieren die Texte nie an Tiefe.
In dem Gedicht Ehrenwort heißt es: Worte wollen leicht genommen werden, um schwer sein zu können, eine Rezeptur, die belegt, wie riskant der schwerelose Seiltanz der Lyrikerin zwischen Tiefe und Luftnummer angelegt sein muss, um nicht abzustürzen.

 

von Karl-Heinz-Schreiber, KULT, 2004

Die Autorin (Jg. 1975) ist schon oft genug  (- und das zu recht) gelobt worden und sie legt konsequenterweise hier ihr viertes Buch vor. Texte auf Mittelachse gesetzt - signalisieren womöglich von der Form eine Balance, die die Inhalte nie gestatten würde - Assoziationen - Reflexionen - Einsichten - Beobachtungen.
Und dann das Spiel mit Bedeutungs- und Zeitebenen - da heißt es in 'Anti-Prometheus': "Früher war es vielleicht modern / das Feuer von den Göttern zu stehlen / so wesentlich sind wir schon lange nicht mehr / aus dem Himmel ist nichts mehr zu holen." Da ist so eine Feststellung wie - "die Wirklichkeit reist incognito" - höchstinteressant - da erscheint es fast schon normal zu sagen: "Sie träumten von ihren Träumen / wie sie in Wirklichkeit aussehen würden."
Und so führt uns die Autorin durch die Dimensionen der Wahrnehmbarkeit zu den Paradigmen der Existenzakzeptanz: "angeheitert" oder "todernst" - und sie droht quasi mit einem "todernsten Tod", wenn man zu "viele todernste Zeilen" schreibt. Und "Worte aus Glas" halten ohnehin nur begrenzt - aber dann - viel schlimmer - die "Sprachasche" - die beschworen wird in Erinnerung an Heines Zeilen: "Das war ein Vorspiel nur . . ." - da geht es um die "Freiheit innen" mindestens. Da werden aber auch literaturgeschichtliche Bewusstseinsachsen beschworen...
Wenn aber die Weltanschauung nur eine "trübe Suppe" und "Bedeutung ein Wort / ohne Bedeutung" ist, was bleibt dann für den "Fluß unter dem Fluß - für die Poesie hinter der Poesie - für Bedeutungen außerhalb der Zusammenhänge?! Alles Wünschen zielt doch immer auf ein Dahinterkommen, auf die Schliche-Kommen - hinter die Metaphern. In kürzeren Texten hangelt sich die Autorin quasi von Wort zu Wort, läßt Sätze daraus wachsen, die plötzlich eine Bedeutung kippen - nichts ist so ernüchternd wie plötzlich bewußt gewordene Selbstverständlichkeiten und da erscheint selbst die Natur in ihren regelhaften Abläufen spießig - welche Ironie der Evolution! Oder sind Poesie und Spießigkeit nicht Widerparts?!
Alles in letzter Konsequenz zuende spekuliert landet man dann beim Sicherheitsdenken: und wenn man gegen alles versichert ist - "zusammengefasst gegen / das Leben versichert ist / dann bleibt einem garnichts anderes übrig / als zu sterben." Und wenn man gegen das Sterben versichert wäre?! Schützt uns nicht die Poesie vor allzu einschränkender Sicherheit?! Callesen gibt quasi Einstellungen und Auffassungen zur Bedenklichkeit frei - wie kann sich der Mensch selbst akzeptieren und wie wird Zusammenleben menschlich. Hier wird die Poesie in die Praxis eingefordert - mit aller Konsequenz zur Überlebenskunst.

 

von Sabine Prilop, Verband deutscher Schriftsteller, 2005

Sprache zu nutzen als geballte Faust gegen Verantwortungslosigkeit, blindes Hinnehmen und Verdrängen: „[...] Hey man/da darf man nicht wegsehen/da darf man nicht weggucken/man hätte etwas tun sollen/wenn es nur jemand gesehen hätte/man/ist eine Maske/für Ich“. Liebe und ihre Verletzungen ungerührt beim Namen nennen: „[...] sie kannten sich/sie liebten sich/nur nicht mehr.“ Hoffnung in Frage stellen: „Wenn aus dem Schneeteppich/blaue Blumen wachsen/wenn aus blauen Steinen/blaue Blumen werden/wenn deine wurzellosen Worte/aufhören zu wandern/kann es sein/dass Begegnen immer neu anfängt.“
Diese drei Beispiele als Antwort auf die Frage, die ich mir selbst stellte, als ich Gyde Callesens neuen Gedichtband – mittlerweile ist es ihr dritter – aufschlug: welche Themen bewegen eine junge Frau, Jahrgang 1975, in unserer Zeit? Was Gyde Callesen betrifft, sind es der Blick auf soziale Missstände, auf menschliches Mit- und Gegeneinander, das Den-Finger-in-die-Wunde-legen, dort, wo schamhaft zugedeckt und verharmlost wird.
Widmungsgedichte, die in die Sammlung aufgenommen wurden, beschreiben Einblicke und Gedanken, reflektieren Gewesenes oder weisen in eine ungewisse Zukunft: „Spuren sind nicht immer/Schritte hintereinander.“
Doch es gibt noch mehr zu entdecken. Zum Beispiel Callesens virtuosen Umgang mit der Sprache. Die klare Sachlichkeit, mit der sie dem Abstraktem Sinn zuweist. „Traumnaht“ nennt sie ein Gedicht, das mit zu meinen Favoriten gehört: „Wo Träume Nähte haben/können sie platzen/und jene unansehnlichen Reste/von Seifenblasen hinterlassen/von denen jeder sagt/dass es vorauszusehen war/wo Träume Nähte haben/fallen sie in eine andere Welt/von Urteilen und Gedanken/darüber was wirklich sei/vielleicht sind es die nahtlosen Träume/die darüber entscheiden/was wirklich geschieht.“
Manchmal erscheinen mir die Gedichte in ihrer Häufung etwas zu zornig, zu wenig kompromissbereit. Ein milderer Blick auf die Unvollkommenheit, an der wir ja alle zu leiden haben, hätte ab und an beim Lesen gut getan. Phantasievolle und leidenschaftliche Texte, wie z. B. „Elementarteilchen“, ein Gedicht, das mitreißend den Höhenflug der Verliebtheit schildert (um am Ende doch mit einer nüchternen Feststellung zu enden), hätte ich dagegen noch viele lesen mögen.
„Der Fluss unter dem Fluss“ bietet Gedichte mit klaren Einsichten und zum Teil unvermuteten Wendungen. Wunderschön sind einige so noch nicht gehörte Vergleiche: „Unwetter von Nettigkeiten“ oder „[...] ich stehe ohne Hände dort/wo ich versuche zu verstehen.“
Gyde Callesen hat etwas zu sagen – und sie sagt es in der ihr eigenen Sprache, dem ihr eigenen Stil. Das reizt – zum Lesen und Wiederlesen.

Jenseits des Kommas

Gedichte
broschur - 97 Seiten – Wiesenburg - 2002
ISBN 3-932497-76-7
Euro 11,50

 

von Imre Máté / PEN, 2002
Literaturzeitschrift Libus

Gyde Callesens zweiter Gedichtband ist unschätzbar bedeutungsvoll... Sprachlich sind die Texte virtuos. Sie nützt die Möglichkeiten der Sprache maximal, unkrautfrei... Es ist ein großartiges und wichtiges Werk.

 

Sprachhumus

von Karl- Heinz Schreiber (Literaturzeitschrift KULT), 2002

Noch längst nicht genügend relevante Zeitgenossen haben das Talent dieser Poetin (Jg. 1975) erkannt - allein das Vorwort zu diesem vorliegenden Band ist phänomenal - man müßte es überall komplett zitieren. Der Kern lautet: "Sprache ... mißtrauen... vertrauen. Wenn wir die Worte hassen lernen, können wir sie auch lieben." Sollten wir eine neue deutsche Poetin suchen - hier haben wir sie - Wiesenburgseidank!
Sicherheit in der Wortwahl, Ausgewogenheit zwischen Appell und Ironie - über allem liegt eine Art sentimentaler Sarkasmus. Wie oft soll ich mich wiederholen: ich bin begeistert!
Allein folgende Zeilen: "Sie haben sich Stacheldraht / um die Augen gewickelt / als Wimpern / weil sie erstechen müssen / was sie sehen" - manchmal frage ich mich, ob die persönlich- liebenswürdige Autorin überhaupt selbst ermißt, welche hochgradige Hardcorepoesie sie bisweilen produziert?! Herrlich, wenn sie den Duden als "Maßgeber für sprachliche Unglücksfälle" entlarvt - oder wenn sie die 'Stiftung Warentest' "alle getesteten Religionen / mit der Note mangelhaft" bedenkt - auch der globale Texaner kriegt seinen Seitenhieb.
Aber ist es nun Trost oder Drohung: "Zeit wird wortleer" - können wir dann noch wenigstens "Spazierengehen auf den Atomen der Sprache"?! Da drohen allerdings "Sprachbakterien" und "Silbenviren" - andererseits sind "Sprachsamen" und "Sprachhumus" vorrätig, solange Poet(inn)en wie Gyde Callesen mit Worten agieren, agitieren für eine Sprache - auf die sie alles zurückführt. Hier finden wir Biotope der Poesie mit der Kraft zur Selbsterneuerung.

 

Augenblicke – Blickwinkel
Lyrische Perspektiven

Gedichte
broschur - 81 Seiten – Wiesenburg - 2001
ISBN 3-9322497-49-X
Euro 11,25

 

von Rick Deckard, Literaturzeitschrift Federwelt, 2001

Hoffnungsfroh stimmt mich, dass in Zeiten, in denen Lyrik nicht zuletzt wegen solcher Negativbeispiele zweimal täglich für tot erklärt wird, auch manchmal Debütanden einen Verlag finden, denen man, ohne zu viel zu riskieren, eine interessante und erfolgreiche Zukunft prophezeien kann.
Nehmen wir Gyde Callesen. Der Flensburgerin, Jahrgang 1975, ist etwas gelungen, was viele Etablierte bis heute vergeblich versuchen: Sie hat einen Gedichtband ohne einen einzigen wirklich schwachen Text abgeliefert. Klar, auch die gut 80 Seiten ihres Debüts "Augenblicke - Blickwinkel" weisen eine qualitative Fieberkurve auf. Aber welch ein Talent. Abgeklärt, aber nie altklug. Oft zynisch, ohne dabei völlig mit der Welt und der eigenen Zukunft zu brechen. Die frühe literarische Summe eines in der angehängten Biografie etwas pathetisch summierten. aber offenbar recht bewegten Lebenslaufes. "Lyrik heißt, das Alltägliche zum Fremden machen, Leben verdichten", schreibt Gyde Callesen in einem Stakkato-Manifest auf dem Umschlag. Noch Fragen, Deckard? Bravo!

 

Die Kraft lyrischer Ironie 
Heinz Schreiber, Literaturzeitschrift SUBH, 2001
Dies ist der erste mir bekannt gewordene Band dieser Autorin (Jg. 1975), deren Vita und Text eine offensichtlich erkämpfte Einheit bilden. Callesen eröffnet uns hier ‚Lyrische Perspektiven‘ auf ihr Bewußtsein, ihr Leben und freilich auch die restliche Welt. Am Schluß der Vita heißt es: „Über Beharrlichkeit, Selbstzweifel, Hoffnung, Ausweglosigkeit, kleine Schritte und den tiefen Glauben nicht aufgeben zu dürfen, führte ein langer, schmerzlicher und intensiver Weg zu diesem Band.“ - Animierend auch die Zeilen auf der Rückseite „Lyrik heißt: die Perspektive wechseln/ das Alltägliche zum Fremden machen/ auf Weichspüler für Worte verzichten/ sich herausfordern lassen...“. Darin steckt eigentlich ein Programm, welches uns ein ganzes Leben lang beschäftigen kann.
Äußerst wohltuend ist es, daß die Autorin auf jegliche Larmoyanz verzichtet und lieber einer auf Halbdistanz gehenden Ironie vertraut: „Wir denken positiv/ im Wonnemonat November/ stellen wir den Maibaum auf.“ Wirklich köstlich diese feinen Spitzen mit den zärtlichen Widerhaken: „Wir lieben uns gesellschaftskritisch/ in Stellungen die zum Nachdenken anregen.“ Da steckt in zwei Zeilen die ganze emotionale, intellektuelle, existentielle und gesellschaftliche Leere und Heuchelei!
Ein Highlight das Gedicht, in dem der Sinn beim „sehr geehrten Gott“ um „Informationsmaterial über Unterkunftsmöglichkeiten“ nachfragt! Und an anderer Stelle heißt es: „Wir suchen motivierten Sinningenieur/ für unsere Entwicklungsabteilung.“ Es sind stringente Verse von erstaunlicher Sicherheit, berücksichtigt man das Alter der Autorin. Hier ist Wiesenburg eine Entdeckung mit Zukunft gelungen, weil auch aus jeder Bemerkung der Autorin eine ganz eigene Kraft atmet!