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Abgestempelt – erledigt – kann weg

Wir leben derzeit in einer großen Stempelbehörde – die Produktion an Stempeln ist seit einigen Jahren enorm gestiegen. Auch wenn es schon immer eine gewisse Stempelneigung in Deutschland gab, hat diese seit der Coronazeit um ein Vielfaches zugenommen.

Wir brauchen allerdings keine Stempelkissen und dazugehörige Stempelfarbe – wir stempeln in unseren Köpfen und verteilen jederzeit und überall eifrig Stempel. Was abgestempelt ist, kommt weg – damit braucht man sich nicht mehr beschäftigen.

Die Stempel ersetzen Auseinandersetzung, Nachdenken, Verstehen, Differenzieren.

Dank der allgegenwärtigen Stempelverfügbarkeit ist das Leben viel einfacher geworden, so scheint es.

Zugegebenermaßen überfordert mich der Stempelwahn mancher Zeitgenossen. Schublade auf, Stempel drauf, Schublade zu.

Besonders ein omnipräsenter Stempel lässt mich zurückschrecken: Rechts! Nazi!

Die Schublade, in der alles mit diesen Etiketten Abgestempelte landet, ist außerordentlich groß. So groß, das fast alles hineinpasst, fast die ganze Wirklichkeit, fast das ganze Leben, zumindest all jenes, was einem nicht gefällt. Und schon ist wieder etwas in dieser Schublade verschwunden, ehe man es überhaupt ansehen, geschweige denn begreifen konnte.

Langsam ziehe ich diese riesige Schublade auf, deren Griff vom vielen Anfassen schon ganz schmierig geworden ist. Was ist da denn nun alles drinnen?

Alice Schwarzer lächelt mir entgegen, sie liegt obenauf. Ich stutze. Vorkämpferin des Feminismus, ist das rechts? War das jemals konservativ oder noch weiter rechts davon? Ich lese die Stempel darunter: Antifeministisch. Rechts. Nazi. Moment. Habe ich irgend etwas nicht mitbekommen? Die Vorzeigefeministin ist antifeministisch? Ich lese weiter: Rassistische Äußerungen zu den Vorkommnissen auf der Kölner Domplatte, also rechts. Sie hatte die Frechheit, die Nationalität der meisten Täter in der Silvesternacht 2015 zu benennen, das ist rassistisch, also rechts. Verstehe – nicht wirklich. Transfeindlich steht da auch noch. War es nicht Alice Schwarzer, die in einer Zeit, als noch keiner darüber sprach, Transmenschen geholfen hat? Ich lese: Ist dagegen, dass Transfrauen, die von Geburt an männlich sind, sich aber als Frauen identifizieren, Zugang zu Frauenhäusern und anderen Schutzorten für Frauen haben, das ist queerfeindlich, also rechts. Okay...

Ich lege Alice Schwarzer zur Seite, darunter liegt J.K. Rowling, die Verfasserin von Harry Potter - Stempel: Rechts, rassistisch. Findet, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt. Lehnt die Bezeichnung ‚menstruierende Menschen’ für Frauen ab. Ist wie Alice Schwarzer der Meinung, dass Transfrauen nicht Damentoiletten benutzen sollten.

Ich atme durch. Blättere weiter. Stoße auf Sahra Wagenknecht. Bitte? War die nicht immer ganz links? Kommunistisch? Stempel: Corona-Leugnerin, also rechts. Veranstalterin einer Friedensdemonstration in Berlin, gemeinsam mit Alice Schwarzer, also rechts. Ich kriege Schnappatmung. Für den Frieden demonstrieren ist rechts? War das nicht stets eine linke Domäne? Ich lese weiter: Lehnt die Brandmauer gegen die AfD ab. Stempel dahinter: Nazi. Ich schlucke.

Unter Sahra Wagenknecht die Akte von Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der BILD-Zeitung. Stempel: Nazi. Die Springerpresse, klar, die galt schon immer als konservativ, aber Nazi? Dahinter: Berichtet von der Gründung der Jugendorganisation der AfD. Bereitet den Boden für Nazi-Propaganda. Mir geht kurz das Wort Pressefreiheit durch den Kopf. Ich erinnere mich an die Szenen, die ich irgendwo im Internet sah, wo Ronzheimer massiv von so genannten Demokratieverteidigern bedrängt wurde, die unablässig schrien: Haut ab! Nazis raus!

Ich lasse die Unterlagen in der Schublade durch meine Hände gleiten. Ich finde weitere Friedensaktivisten. Ich finde weniger bekannte Menschen, die dafür eingetreten sind, dass man mit Russland verhandelt, um den Ukrainekrieg zu beenden. Ich finde Wissenschaftler, die in ihren Studien vertreten, dass das Narrativ des Klimawandels nicht so absolut zu sehen sei, wie es behauptet wird, die kritische Fragen dazu stellen.

Darunter liegt ein dicker Stapel von Akten mit Corona-Leugnern, abgesondert, mit dickem roten Gummiband versehen. Stempel: Nazi. Aluhutträger. Wissenschaftsleugner. Impfgegner. Maskenverweigerer. Gefährder. Dahinter Zeichen, die deutlich machen: Besonders gefährlich. Mir bleibt die Luft weg. Es ist rechts, wenn man selber über seinen Körper entscheiden möchte? Wenn man die größten Grundrechtseinschränkungen seit Gründung der Bundesrepublik in Frage stellt?

Was ist das für eine Schublade? Und wer hat sie eröffnet? Aus welchen Gründen?

Aber ich weiß, dass man diese Fragen nicht stellen darf. Sonst landet man selbst in der Schublade. Wenn man nicht schon drinnen ist.

Ich starre auf die offene Schublade, versuche klar zu denken. Dieses Nazi-Etikett – fast überall derselbe Stempel. Ist das nicht Holocaust-Verleugnung? Wenn man alle, die irgendwie anders denken, als der Mainstream es vorschreibt, als Nazi bezeichnet? Verharmlost man nicht damit, was die Nazis für Gräueltaten verübt haben? Macht man damit nicht genau das, was jene, die diese Schublade bestücken, den anderen bei jeder Gelegenheit vorwerfen?

Ich versuche meine Gedanken zu sortieren. Da gehen Leute auf die Straße gegen Hass und Hetze, meinen, sie verteidigen die Demokratie, halten Schilder hoch, auf denen steht: Hass! Tod den AfDlern! Mir surrt es im Kopf – wie oft kann man die Realität verdrehen, bis sie vielleicht am Ende wieder unverdreht herauskommt? Man will für Demokratie sein, aber Grundrechte gibt es nur für diejenigen, die dieselbe Meinung wie man selbst vertreten?

Meine Gedanken rattern, ich versuche, lauter verworrene Fäden zu entwirren, als plötzlich hinter mir ein lautes Räuspern zu hören ist.

„Was machen Sie da?“

Ich versuche so gelassen wie möglich zu sagen: „Ich schaue mir den Inhalt dieser Schublade an.“

„Das ist verboten. Das wissen Sie, oder?“

„Nein, das weiß ich nicht. Ist ja frei zugänglich.“

Die Stimme wird drohender: „Verlassen Sie sofort diesen Ort. Sie hätten hier nicht herkommen dürfen. Sie sind bestimmt so ein Rechter, ein Nazi, der meint, er müsse alles in Frage stellen. So ein unsolidarischer Coronaleugner, Trump-Supporter, so ein Klimawandelleugner, so ein queerfeindlicher Lumpenpazifist....“

Langsam drehe ich mich um – jemand steht hinter mir, mit schwarz vermummtem Gesicht, schwarzer Kleidung. Die Gestalt hat einen Backstein in der einen Hand und einen Flasche in der anderen.

Ich stehe auf und sage: „Na, auf dem Weg zur Demo? Dann viel Spaß beim Verteidigen der Demokratie.“