Wir leben in Zeiten eines gewaltigen Umbruches, in denen die sich auftuenden Gräben oft zu unüberwindbar daherkommen und die Hoffnung manchmal nicht auszureichen scheint. Man kann diesem Umbruch viele Namen geben, die Frage ist, wie wir damit umgehen, dass alte Sicherheiten verschwinden, dass wir uns manchmal wie im freien Fall fühlen und nicht so recht wissen, wo nun das Geländer ist, um sich ein wenig festzuhalten.
Die Schatten der Coronazeit sind lang, wir leben in einer traumatisierten Gesellschaft, die noch lange nicht verarbeitet hat, was mit ihr in den Jahren der Pandemie geschehen ist. Die Politiker weigern sich hartnäckig zu begreifen, dass auch eine politische Aufarbeitung dieser Zeit notwendig ist, um Menschen Vertrauen zurückzugeben, um zu verhindern, dass immer extremere Standpunkte immer mehr salonfähig werden.
Wir werden tagtäglich mit apokalyptischen Bildern beschallt - das eine Apokalypsenbild wechselt das andere ab. Erst sollten wir alle am tödlichen Virus qualvoll sterben, dann wurde uns suggeriert, dass wir 'no future' haben, dass unsere Kinder und Enkelkinder im Klimawandel quasi verbrennen werden, anschließend und weiterhin werden uns täglich Horrorszenarien eines alles vernichtenden Atomkrieges serviert. Das alles verbunden mit einer immer unübersichtlicher und schneller werdenden Welt der Digitalisierung, des immer weniger Analogen, mit den Sinnen zu Begreifenden. Wir verschwinden, werden aufgesogen von einer Bildschirmwelt, in der wir die Zeit und uns selbst vergessen.
Das Ganze wird dekoriert von absurd anmutenden Diskussionen über Gendersternchen, das Umschreiben von Kinderbüchern, über Verbote von Worten und viele Verbote mehr, über eine Wehrpflichtlotterie und anderen Skurrilitäten. Viele Menschen sind zudem unmittelbar von Arbeitslosigkeit bedroht, weil große Unternehmen aufgrund des Niedergangs der Wirtschaft Massenentlassungen vornehmen. Damit verbunden ist eine wachsende Armut in der Gesellschaft, immer mehr Menschen sind auf Tafeln angewiesen, für viele reicht das Geld nicht mehr.
Die Liste der Dinge, die Ängste auslösen, die die Existenz bedrohen, scheint endlos.
Vor allem geht es um Angst, immer wieder überall - das war in der Coronazeit so, das ist mit dem Ukrainekrieg so, das ist mit dem Klimawandel so. Die Menschen haben Angst. Vor der Künstlichen Intelligenz, die uns als Menschen mehr in Frage stellt als alles zuvor. Vor der Trostlosigkeit eines Lebens, das keine geistigen Wurzeln mehr finden kann. Manche haben Angst vor der Wiederkehr des Faschismus in seiner rechtsextremen Form, sehen die AfD als größte Gefahr. Andere befürchten einen neuen Totalitarismus von linker und grüner Seite.
Irgendwie und irgendwann erwischt die Angst jeden. Wen sie bei Corona nicht packen konnte, den erwischt sie angesichts eines Atomkriegszenarios. Oder bei etwas anderem.
Unsere kollektiven wie auch unsere individuellen Ängste werden in diesen Zeiten massiv getriggert. Und jeder hat seinen wunden Punkt.
Wie geht man mit einer solchen Welt um, die anscheinend immer mehr Abgründe und immer weniger Hoffnung bietet? Warum ist dies alles so?
Die Erklärungen dafür sind vielfältig. Manche erklären es mit astronomischen Konstellationen, andere mit dunklen geistigen Kräften, manche betrachten es soziologisch oder historisch, andere politisch oder psychologisch.
Die Strategien mit dieser überfordernden Lage umzugehen sind ebenso vielfältig.
Manche verkünden den Übergang in eine neue Zeit und feiern täglich mit ihren Anhängern die großartige Schwelle, die wir als Menschheit gerade überschreiten. Das ist zwar ein positiver Umgang mit allem, aber hier werden die Menschen mit ihrem derzeitigen Schmerz nicht mitgenommen, hier wird vieles einfach ausgeblendet. Manche ergehen sich in Visionen über den Untergang der Menschheit, letztlich wenig hilfreich. Manche fliehen in ein idylisches Eckchen Erde, ziehen sich von allem zurück und bewirtschaften nur noch ihren Garten und wollen mit allem nichts zu tun haben. Verständlich, aber auch wenig hilfreich für uns alle.
Manche kämpfen auf Demonstrationen, andere ziehen sich ganz ins Private zurück, manche erstarren in ihrer Angst.
Wir sind nun gerade in diese Zeit geboren und haben damit eine Aufgabe.
Wir sind als Menschen zur Freiheit geborene Wesen, auch wenn wir das noch nicht so wirklich kapiert haben.
Es kann weder der Weg sein den Kopf in den Sand zu stecken noch vor dieser Aufgabe zu fliehen.
Wir entwickeln uns als einzelne Menschen und als Menschheit. Und all das, was uns da so überwältigend entgegenkommt, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Aufgabe – unsere Aufgabe.
Können wir stehenbleiben, können wir bei uns bleiben, ist unser Wille stark genug?
Das Dunkle, dem man viele Namen geben mag, ob man es Schatten nennt oder Widersacher oder Teufel oder das Böse, lehrt uns das Licht zu erkennen. Und unsere Freiheit zu erkennen und weiterzugehen inmitten allen Dunkels.
Manchmal ist es schwer, sich von dem Negativen und Dunklen nicht erdrücken, erschlagen zu lassen, nicht zu verzweifeln. Es gibt für jeden die Momente, wo es überhand zu nehmen scheint und der Weg hinaus unmöglich scheint. Je mehr wir uns dem Lichten und Hellen zuwenden, umso mehr werden wir von dem Dunklen herausgefordert. Wir brauchen Ausdauer, einen starken Willen, Mut und viel Liebe in diesen Zeiten.
Um nicht aufzugeben, um sich immer wieder zu verbinden mit unserem geistigen Ursprung.
Es kann weder Weg sein, vor diesen Herausforderungen zu fliehen, noch blind zu kämpfen.
Im Buddhistischen gibt es den Satz: Wende dich niemals ab. Wenn wir etwas verwandeln wollen, wenn wir als Menschheit heilen wollen, uns selbst und die Erde, dann müssen wir hinsehen, den Schmerz und das Leid sehen. Wenn wir sehen und verstehen, dann können wir verwandeln. Ein gesehener Schmerz kann erlöst werden, das betrifft jeden einzelnen Menschen und ebenso uns als Gesellschaft.
Trauma ist immer mit Sprachlosigkeit verbunden. Wir sind als Gesellschaft sprachlos geworden.
Der Psychologe Mattias Desmet hat in Coronazeiten viel Wichtiges zur Massenpsychose/Massenhypnose geschrieben und gesagt, hat ein Buch über die Psychologie des Totalitarismus veröffentlicht. Er betonte immer wieder, dass mit jedem Aussprechen dessen, was geschieht, was so unglaublich erscheint, die Trance in der Gesellschaft sich etwas verringert. Jeder, der benennt, was ist, hilft dabei, dass die traumatische Trance nicht immer tiefer wird.
Das ist der Grund, warum ich viele lyrische und epische Texte schreibe, die benennen, was ist. Literatur als Weg wach zu sein, zu werden. Das ist der Grund, warum ich mich weigere, mich in meiner Literatur der Alltagssprache und dem Alltagsgeschehen zu verschließen.
All das Unbenannte, Ungesagte, Verschwiegene, Namenlose, Unsagbare kann eine ungeheure, destruktive Kraft entfalten. Es geht darum, aus der individuellen und kollektiven Sprachlosigkeit herauszutreten und den Mut zu finden zu benennen, was ist.