Das Täter-Opfer-Spiel - Wie anderes Denken gelingen kann

Das Täter-Opfer-Spiel ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Auf der einen Seite ist der oder das Böse, auf der anderen Seite der oder das Gute. Hier das machtlose, handlungsunfähige Opfer, dort ein brutaler, sadistischer Täter. Und dazwischen ist wenig bis nichts.

Dieses schwarz-weiße Weltbild kennen wir aus der Corona-Krise zur Genüge und erfahren es in der jetzigen Ukraine-Krise erneut, von Medien und Politik mit beeindruckender Vehemenz vorgetragen.

Interessanterweise erleben sich dabei letztlich alle irgendwie als Opfer.
Im Kontext der Corona-Pandemie erlebt sich eine Vielzahl von Menschen als Opfer eines heimtückischen, unberechenbaren Virus. Obwohl ein Virus nicht einmal als Lebewesen gilt, wird er sprachlich personifiziert zu einer Art Kriegsherren, der beschlossen hat, die Menschheit mit einem Krieg zu überziehen. Die Geimpften fühlen sich als Opfer der Ungeimpften, die angeblich verhindern, dass wir unsere volle Freiheit zurückerlangen, entlarven sich aber in ihrer Rhetorik und ihrem ausgrenzenden Verhalten gleichzeitig als Täter. Die Ungeimpften empfinden sich je nach Weltbild und Erfahrung als Opfer der Geimpften, von denen sie diffamiert und diskriminiert werden, als Opfer einer Regierung, die fragwürdige Maßnahmen erlässt, oder auch als Opfer eines Herrn Schwab und seines Great Reset, und verfestigen in Täter-Manier zeitgleich selber in ihrer Wut auf den Staat und die Geimpften die gesellschaftliche Spaltung.

In dieser aufgeladenen Atmosphäre, die von Angst und Hass genährt wird, sind die Rollen von Tätern und Opfern beliebig austauschbar. Tatsache ist, dass sich alle dabei auf der richtigen Seite wähnen und sich moralisch überlegen fühlen.

Das ist das Interessante und auch Verwirrende und zudem Brutale am Täter-Opfer-Spiel, dass die Rollen sich dabei in ständiger Rotation befinden, wie es das bekannte Drama-Dreieck beschreibt, das noch die Rolle des Retters hinzunimmt, der jederzeit zum Täter werden kann.

In der derzeitigen Ukraine-Krise gibt es aus westlicher Sicht klar verteilte Rollen. Dort der böse Putin, hier der gute Westen. Auch wenn natürlich der Krieg Russlands gegen die Ukraine zu verurteilen ist, kommen wir in Friedensverhandlungen nicht weiter, wenn wir gedanklich und rhetorisch eine unüberwindbare Kluft schaffen und uns weigern, die gesamte Situation differenzierter und offener zu betrachten.

Die mediale Berichterstattung darüber ähnelt in frappierender Weise mit ihren markigen und eskalierenden, Horrorszenarien an die Wand malenden und angstschürenden Schlagzeilen auffällig der Berichterstattung in der Corona-Krise. Wobei natürlich nebenbei bemerkt werden muss, dass das neue Ukraine-Narrativ sich ausgezeichnet als Ausstiegsszenario aus dem Corona-Narrativ anbietet. Die Corona-Pandemie verschwand von einem Tag auf den nächsten fast vollkommen aus den täglichen Nachrichten. Erstaunlich, oder? Ist ein vernichtender Virus, der angeblich so schlimm ist, dass wir eine Impfpflicht einführen müssen und damit gegen Grund- und Menschenrechte verstoßen, plötzlich nicht mehr gefährlich, weil es im Osten Europas einen Krieg gibt?

Das soll nicht zynisch klingen, doch manchmal muss man sich die Augen reiben angesichts dessen, was uns da täglich auf Bildschirmen serviert wird. Jeder nicht ganz naive Nachrichtenkonsument wird sich fragen müssen, wie man die USA zum Friedensbringer stilisieren kann angesichts der Tatsache, dass das Land seit 1945 über vierzig Länder angegriffen hat. Und ebenso wird man sich fragen müssen, was denn mit den ganzen anderen gegenwärtigen Krisen auf diesem Erdball ist, warum darüber nicht berichtet wird. Und damit meine ich jetzt nicht die medial hochgepeitschte Klimakrise, sondern die Hungersnot in Jemen, wo alle zehn Minuten ein Kind stirbt, den Bürgerkrieg in Mosambik, den seit zehn Jahren in Syrien tobenden Krieg, den Krieg im Norden von Äthopien, die Dauerkrise in Afghanistan, die zahlreichen in Europa gestrandeten Flüchtlinge im Wartezustand, um nur einige Krisen zu nennen.

Die westlichen Medien sind Aufmerksamkeitslenkungsmaschinen, die uns gezielt bestimmte Krisen in Nahaufnahme mit jedem erdenklichen Detail liefern und andere Krisen komplett ausblenden, passend zur jeweiligen Interessenslage.

Die ganzen Lockdowns in Europa, die bekanntermaßen bezogen auf die Eindämmung eines Corona-Virus gar nichts gebracht haben, haben durch die Unterbrechung von Lieferketten die Hungersnot in den Ländern der sog. dritten Welt massiv verschärft. Darüber zu berichten, wäre allerdings unbequem.

Stattdessen dominiert nun die Ukraine-Krise die Nachrichten, wie es zuvor das Corona-Virus tat. Und der Protest gegen den Krieg in der Ukraine treibt mittlerweile sonderbare Blüten. Er richtet sich nicht mehr nur gegen die russische Staatsführung, sondern gegen alles Russische: russische Künstler werden entlassen, russische Lebensmittel werden boykottiert und russische Produkte umbenannt. Der ‚böse Russe’ scheint wieder da, ein mächtiges, historisch aufgeladenes Feindbild.

Offensichtlich brauchen wir hier ein solches Feindbild, um unsere eigene kognitive Dissonanz nicht zu bemerken.

Die Sprache des Täter-Opfer-Spiels ist die Sprache von Provokation und Eskalation. Sie bedient eine Gewaltspirale, die man nur unterbrechen kann, wenn man die Position des moralisch Überlegenen aufgibt, sich öffnet für die Position des Gegenübers, gleichgültig wie moralisch verwerflich man sie finden mag, und aufhört, die Position des Opfers für sich zu beanspruchen.

Es soll dabei nicht verleugnet werden, dass es Opfer gibt. In dem jetzigen Krieg gibt es Kriegsopfer. Jede Vergewaltigung, jede Gewalttat hat ein Opfer.

Ich habe jahrelang mit schwer traumatisierten Frauen gearbeitet und mich seit über zwanzig Jahren mit sog. Traumafolgestörungen beschäftigt. Es ist ein langer Weg für diese Menschen, sich einzugestehen, dass sie Opfer geworden sind, diese Rolle anzunehmen und zu würdigen. Doch ist es ein Unterschied, ob ich Opfererfahrungen mache oder ob ich mich dauerhaft als Opfer erlebe und so verhalte. Die Opfer-Position ist immer schwach, sie ist geprägt von Angst, Handlungsunfähigkeit, Verzweiflung und Abhängigkeit. Sich dauerhaft in dieser Rolle einzuzementieren, verhindert seelisches Wachstum und persönlichen Fortschritt. Der Vorteil dieser Position ist, dass man keine Verantwortung übernehmen muss, man überlässt den Part des Handelns dem Täter.

Solange diese Täter-Opfer-Logik aufrechterhalten bleibt, ist es schwierig das eigene Leben zu gestalten. Und dies betrifft nicht nur das Opfer, sondern auch den Täter, der auf seine Weise vom Opfer abhängig ist.

Die spezielle psychologische Dynamik von Traumabindungen, also Bindungen zwischen Täter und ihren Opfern, führt dazu, dass diese zerstörerischen Beziehungen aufrecht erhalten werden, indem sie durch den Wechsel von Belohnung und Bestrafung, von Zärtlichkeit und Gewalt, weiter vertieft werden.

Selbstverständlich ist das Täter-Opfer-Schema im Rahmen von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Staaten ein anderes als das zwischen zwei einzelnen Menschen, doch die Prinzipien sind dieselben. Und die Frage, die sich hier wie da stellt, ist, wie es gelingen kann, aus dieser destruktiven Spirale auszusteigen.

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht.

Der erste Schritt wäre zu prüfen, wie gern man selbst dem Schwarz-Weiß-Denken anheimfällt, wie bereit man ist, das sog. Böse zu externalisieren, statt es in sich selbst zu suchen, wie anfällig man für mediale Manipulationen ist, wo die eigene Bequemlichkeit größer ist als die Bereitschaft, selber zu recherchieren und sich breit aus ganz verschiedenen Quellen zu informieren und inwieweit man überzeugt ist, auf der sog. richtigen Seite zu stehen.

Diese Form der Selbstkonfrontation braucht Mut und Ehrlichkeit. Nach einer solch kritischen Selbstprüfung wird die Bereitschaft, verschiedene Perspektiven zuzulassen und sich in andere, noch so abwegige Positionen hineinzudenken deutlich wachsen.

Die Aufgabe des Täter-Opfer-Spiels ist für jeden einzelnen Menschen ein riesiger Schritt, umso mehr für die ganze Menschheit.
Unsere eigene Stärke, unser großartiges Potential wird sich erst dann entfalten, wenn wir bereit sind, vollkommen die Verantwortung für unser Denken, Sprechen und Handeln und damit für das Drehbuch unseres Lebens zu übernehmen.