Die Suche nach dem Paradies

In diesen Zeiten der Corona-Krise mit all den Einschränkungen, mit viel Verzicht, mit viel Leid und viel Wut, wächst die Sehnsucht nach dem Paradies. Nach einem Ort, an dem man frei und friedlich leben kann.

Seitdem der Mensch vom Baum der Erkenntnis aß und aus dem Paradies vertrieben wurde, gibt es jene Suche nach einem Ort, an dem Schöpfer und Geschöpf harmonisch miteinander leben. So irren Millionen Menschen von jeher als Paradiessucher durch die Welt, träumend von einem besseren Dasein und oft auch zugleich ihrem alten Leben hinterher trauernd.

Etymologisch kommt das Wort Paradies aus der altiranischen awestischen Sprache: pairi daēza und steht für eine eingezäunte Fläche. Verwandt ist hebräisch pardēs (in späteren biblischen Texten für „Baumgarten“ oder „Park“ bzw. „ein von einem Wall umgebener Baumpark“). Das Paradies als Ort, wo der Mensch zu Beginn seiner Existenz gelebt hat, existiert in christlichen, jüdischen und islamischen Glaubensrichtungen.

Als Garten Eden erscheint dieser Ort auch als Garten der Wonne und im Neuen Testament als Ort der Seligen.
Im Laufe der Kulturgeschichte entspricht das Paradies häufig dem Garten – so gab es bei den Kelten Avalon, bei den Griechen den Garten der Hesperiden, im Mittelalter die Klostergärten als symmetrisch angeordnete, in sich geschlossene Welt.

Wenn das Leben hierzulande immer schwieriger frei zu gestalten ist, wenn immer mehr staatliche Regelungen in das private Leben eingreifen, wird bei einigen Menschen der Überdruss zu groß und sie wandern aus. Sie suchen ihren Garten Eden, irgendwo anders, Hauptsache woanders. Kann das funktionieren?

Der moderne Paradiessucher in Coronazeiten glaubt an einen Ort irgendwo auf dieser Welt, wo er unbehelligt von sämtlichen Maßnahmen leben kann. Verständlich ist dies allemal, doch kann das Paradies irgendwo da draußen wirklich gefunden werden? Dieser Paradiessucher nimmt viel auf sich, wenn er in andere Kontinente und fremde Länder auswandert, getrieben von der Sehnsucht nach einem Ort, an dem wenn nicht alles gut, so dann doch alles besser ist.

Und es gibt natürlich genügend Leute, die in der Sehnsucht nach dem Paradies ein lukratives Geschäft wittern. So gibt es mittlerweile diverse Angebote für schlüsselfertiges Auswandern, bei denen man sich um fast nichts kümmern muss, man nicht einmal die Sprache des Landes lernen muss, weil man in kleinen Kolonien von deutschsprachigen Auswanderern unter sich bleibt.

Die Suche nach dem Paradies ist auch eine Flucht, sie kann innerlich oder im Falle des konkreten Auswanderns äußerlich stattfinden. Sie ist die Abkehr vom Unbehagen eines gegenwärtigen Zustandes, sie ist nie eine Lösung. Vielleicht ist sie manchmal auch eine Kapitulation, wenn zuvor vergeblich nach Lösungen gesucht wurde. Wer glaubt sein Paradies gefunden zu haben, irgendwo anders auf dieser Welt, seinen Zufluchtsort, seinen Sehnsuchtsort, fühlt sich von allen Fesseln einer zunehmend als unerträglich empfundenen Gegenwart befreit. Mit der Perspektive auf einen Platz, an dem alle Schwierigkeiten zunächst beendet zu sein scheinen, sind Körper, Seele und Geist erleichtert. Die Aussicht auf das Paradies nimmt den Druck aus dem Hier und Jetzt. Doch wie nachhaltig ist diese Befreiung?

Bekanntlich nimmt man sich selbst immer mit, mit all den Gewohnheiten, Mustern, Konzepten, die zur Wiederholung drängen. Wird man, weil man an einem neuen, vielleicht ruhigeren oder friedlicheren Ort, ein anderer Mensch? Kann man seine Haut abstreifen und ein neues Leben beginnen, ohne von sich selbst eingeholt zu werden? Wird man nicht irgendwann merken, dass man doch vor etwas geflohen ist, was man scheinbar für äußerlich hielt und was doch innerlich war?

Die äußere Welt ist stets ein Spiegel für die innere Welt, und so kann man Probleme fast nie in der äußeren Welt lösen, sondern nur in sich selbst. Das ist unbequem, das tut weh, das braucht viel Mut und Ehrlichkeit. Es ist einfacher wegzulaufen, nur sollte man dabei nie vergessen, dass man nicht vor den Corona-Maßnahmen, vor Deutschland und seinen Politikern, sondern vor sich selbst wegläuft.

Man kann natürlich so einen Entschluss fassen, aber zugleich sollte man sich fragen, warum man es nicht mehr aushält zu bleiben, statt sich in Ärger, Wut und Hass auf die hiesige Politik zu verlieren.

Ein über zwei Jahre staatlich propagiertes Schreckensszenario hinsichtlich eines die Atemwege befallenden Virus hat alle Menschen verändert. Ständig angstmachenden Bildern und Schlagzeilen ausgesetzt zu sein, ohne eine Perspektive auf ein Ende, führt bei fast allen Menschen zu einem dauernden Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit oder auch von Angst. Starke Gefühle von Hilflosigkeit, Angst und Ohnmacht sind typisch für traumatische Erlebnisse, die für Betroffene seelisch nicht mehr zu bewältigen sind. In traumatischen Situationen hat der Mensch, das ist sein natürliches Erbe, drei Reaktionsmöglichkeiten: Kampf, Flucht oder Erstarrung.

Man kann diese Muster in Zeiten der Pandemie gut beobachten – je nach Biographie und Temperament sucht jeder Mensch seinen Ausweg. Die Absicht auszuwandern, könnte man auch hiermit erklären – allerdings ist das Ganze weitaus komplexer.

Als Menschen neigen wir zu Projektionen – das kann man in Corona-Zeiten täglich beobachten. Das Virus ist zu einer riesigen Projektionsfläche für alle unterdrückten Ängste einer erfolgsorientierten Leistungsgesellschaft geworden. Unsere mangelnde Auseinandersetzung mit Krankheit, Altern, Sterben und Tod tritt uns plötzlich mit gewaltiger Kraft als Projektion im Corona-Virus entgegen.

Projektion erlaubt es, im Außen zu bekämpfen, was wir im Innen nicht aushalten.

Und natürlich ist das Paradies eine ebenso großartige Projektionsfläche, auf der all unsere ungelebten Wünsche und Bedürfnisse nach einem guten Leben erscheinen.

Projektion scheint vieles einfacher zu machen, aber sie verhindert wirkliche Auseinandersetzung und damit Entwicklung.

Und genau darum geht es doch in dieser Zeit, die mit all ihren Herausforderungen zu einem Katalysator für Selbstentwicklung werden kann, dass wir uns selbst erkennen, indem wir stehenbleiben und wahrnehmen, was uns da im Außen entgegenkommt, um dann an dieser Aufgabe, an den uns in den Weg gelegten Hindernissen, zu wachsen.