Die Sehnsucht nach Schubladen

Vorweg eine banale Feststellung: Die Welt ist nicht schwarz-weiß.

Es gibt Graustufen, es gibt viele Farben, ja, es gibt vermeintlich unmögliche Farbmischungen.

Ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken ist ein Kennzeichen von sog. Persönlichkeitsstörungen, also Erkrankungen, die meist in der frühen Lebensgeschichte Betroffener ihre oft traumatischen Ursachen haben und die dazu führen, dass diese Menschen die Welt in gut und böse, eben schwarz und weiß, teilen. Man nennt dies auch Spaltung.

Diese Spaltung ist notwendig, wenn unerträgliche, sich widerstreitende Gefühle kompensiert werden müssen, z.B. wenn ein Elternteil abwechselnd liebevoll zugewandt und gewalttätig ist. Dann wird diese Bezugsperson in eine gute Mutter und eine böse Mutter oder einen guten Vater und einen bösen Vater geteilt, um mit diesen widersprüchlichen Verhaltensweisen innerpsychisch klarzukommen.

Spaltung findet immer dort statt, wo das Aushalten von Ambivalenz nicht möglich ist.

Was als pathologisches Merkmal für bestimmte Persönlichkeitsstörungen gilt, findet sich in diesen Zeiten in der ganzen Gesellschaft. Schwarz-Weiß-Denken ist en vogue, könnte man sagen, medial und politisch gefördert und verbreitet.

In einer unübersichtlichen Situation wie der Corona-Krise ist die Sehnsucht nach Schubladen groß. Hier sind die Guten, da sind die Bösen.

Die Guten lassen sich impfen, tragen immer und überall Masken, halten alle Regeln ein, denken nicht nach und folgen dem geltenden Narrativ. Die Bösen gehen auf Demonstrationen, wollen selber über ihren Körper entscheiden, glauben nicht alles, was in der Tagesschau behauptet wird, und machen sich Sorgen um die Grund- und Freiheitsrechte unserer Gesellschaft. Die Guten sind solidarisch, verantwortungsvoll und dürfen weiter Restaurants, Schwimmbäder und Theater betreten. Die Bösen sind egoistisch, verantwortungslos und werden vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Und weil man Böse deutlich kenntlich machen muss, klebt man noch ein paar Etiketten drauf: Nazi, Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Wissenschaftsfeind.

Fertig ist das Weltbild, das uns säuberlich getrennt zwei Teile der Bevölkerung darbietet.

Wenn die Bösen nach all dem Druck durch öffentliche Diffamierung, Ausschluss aus dem öffentlichen Leben durch 2G-Regeln, Berufsverbot und andere Schikanen nicht die Seite wechseln, dann hat man noch eine letzte Waffe gegen sie: die drohende Impfpflicht. Willst du nicht, dann zwing ich dich.

Und es soll dann einen Kanzler geben, der sich hinstellt und sagt, unsere Gesellschaft ist nicht gespalten. Das würde man psychologisch als Abwehrmechanismus der Verleugnung bezeichnen, aber wahrscheinlich ist es nur eine Lüge und verfolgt eine bestimmte Intention. Und dann ist es Gas-Lighting. Gas-Lighting ist eine extreme Form der Manipulation – andere Menschen werden so lange manipuliert, bis sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr vertrauen und die Lüge für die Wahrheit halten.

Die säuberlich etikettierte Corona-Gesellschaft schafft also Übersicht – wenn man weiß, was gut und was böse ist, kann man sich ja eindeutig einordnen.

Doch was passiert, wenn man auf einer angeblichen Nazi-Demo lauter Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft trifft – Lehrer, die es nicht mehr ertragen können, Kinder unter Masken und im homeschooling leiden zu sehen; Ärzte, die täglich mit den Folgen von Lockdowns und Isolierung konfrontiert sind; Krankenschwestern, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie schon zu viele schwere Nebenwirkungen direkt gesehen haben; Studenten, die in zwei Jahren Distanzlehre depressiv geworden sind; Mütter, die wegen Überbelastung durch Homeschooling und Arbeit am Ende ihrer Kräfte sind; Gastronomen, deren über Jahrzehnte gut geführter Familienbetrieb vor der Insolvenz steht; Künstler, denen alle Einnahmen weggebrochen sind und die keine Ausgleichszahlungen erhalten…. die Liste ist sehr lang. Was macht man dann, wenn man all diese Menschen auf Protestzügen gegen die Maßnahmen trifft, auf die die Nazi-Keule so gar nicht zu passen scheint?

Was macht man, wenn regierungstreue Nachbarn plötzlich viel zu viele Leute treffen, um den fünfzigsten Geburtstag zu feiern? Und was macht man wenn plötzlich ein Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auftaucht und sagt, was hier passiert, ist Propaganda.

Man holt noch ein paar Mal die Nazi-Keule heraus und wenn die dann nicht wirkt, dann nimmt man eben eine andere Schublade: durchgeknallte Esoteriker, verwirrte Althippies, uninformierte Wissenschaftsfeinde.

Ach, übrigens – es gibt jetzt auch die gute und die böse Wissenschaft. Spaltung macht vor nichts und niemandem halt. Eigentlich gibt es nur noch die Wissenschaft, und das ist jene, von der in den Medien und der Politik erzählt wird. Die Wissenschaft ist diejenige, die sich vor den Karren der Politik spannen lässt, die Wissenschaft sitzt im Ethikrat und die Wissenschaft besteht aus einigen wenigen pharmaindustrie-durchtränkten sog. Experten. Dass die Wissenschaftler sich überhaupt nicht einig sind über die Auswirkungen des Virus und über sinnvolle Maßnahmen – papperlapapp, das interessiert nicht.

Es gibt die Wissenschaft und wer nicht an sie glaubt, ist Verschwörungstheoretiker.

Einfach, oder? Wir können es auch noch einige Male wiederholen, bis der letzte es kapiert hat.

Und damit keine Unordnung in diese so aufgeräumte Corona-Welt kommt, muss natürlich zensiert werden. Entschuldigung, das heißt heute nicht mehr Zensur, denn das wäre schon wieder Verschwörungstheorie, das heißt heute Faktencheck. Alles, was nicht passt, wird unterdrückt, gelöscht, außer Sichtweite geschafft.

Das passt aber doch gar nicht in eine Demokratie, sagen Sie? Bitte, wir haben eine Pandemie, wenn interessiert denn da die Demokratie? Sie reden über Grundrechte, über Freiheit? Bitte, wo sind die denn eingeschränkt?

Wir haben doch das beste Deutschland aller Zeiten.

Diese Ordnung der Gesellschaft, das sei erwähnt, hat ein paar Folgen. Wir kennen sie aus der Geschichte.
Aber Vergleiche mit der deutschen Geschichte sind strengstens untersagt. Sonst kommt die nächste Keule: Antisemitismus. Die Zeiten, dass wir aus der Geschichte lernen sollten, sind vorbei. Ein Corona-Denkverbot der Extraklasse. Hier biegt niemand mehr ab - das Erkennen von wachsenden Strukturen, die aus einer Demokratie einen totalitären Staat machen - bitte, geht gar nicht.

Die Spaltung zieht die Notwendigkeit des Sündenbocks nach sich. Der böse Teil der Gesellschaft ist an den Pranger zu stellen, wenn es mit den Ideen und Glaubenssätzen des guten Teils der Gesellschaft nicht so klappt. Wenn Infektionszahlen trotz Impfungen für Bratwürste, Riesenradfahrten und Eintrittskarten für den Zoo steigen, wenn Masken und Abstand nicht wirken, wenn Lockdowns keine Wirkungen zeigen, dann muss ja jemand Schuld sein.

Na, klar, da haben wir sie wieder, die unsolidarischen Impfverweigerer, die rechten Verschwörungstheoretiker, die bösen Spaziergänger.

Und dann haben wir Krieg. Gut gegen Böse.

Ein Teil der Bevölkerung ist Freiwild geworden, eine Projektionsfläche, an der sich die durch die Corona-Lage aufgestauten Gefühle wie Angst, Wut und Hass hemmungslos entladen können. Es werden Exempel statuiert: prominente Fußballer, die es wagen, über ihren Körper selbst bestimmen zu wollen, werden öffentlich an den Pranger gestellt, ebenso wie kerngesunde Tennisspieler, die ungeimpft nicht mehr an Turnieren teilnehmen dürfen.

Diese Mechanismen sind nicht neu, wir kennen sie aus leidvoller Geschichte. Aber daran darf niemand erinnern.

Es ist ein perfides Spiel, das hier gespielt wird. Und die meisten machen mit, weil sie den Druck nicht aushalten, weil sie nicht selber denken wollen, weil sie Angst haben oder glauben, auf der richtigen Seite zu stehen.

Diese Spaltung zu beenden, liegt bei uns. Egal, wo wir uns eingeordnet, in welche Schublade wir uns selber gesteckt haben. Für die Guten halten sich in diesem Spiel alle, gleichgültig wo sie stehen.

Wagen wir es, aus den Schubladen auszusteigen und wieder zuzuhören. Nehmen wir wieder wahr, wer uns da begegnet, als Mensch. Erleben wir wieder die Zwischentöne, lernen wir die Widersprüche des Menschseins wieder zu lieben. Denn die Spaltung der Gesellschaft ist ein Instrument der Mächtigen zur Durchsetzung ihrer nicht immer hehren Interessen.

Wenn wir uns nicht teilen lassen, dann können wir wieder miteinander reden, können Risse sehen, dann muss niemand Recht haben, sondern die Vielfältigkeit der Meinungen und Einstellungen kann sich zu einem wunderbar bunten Vielerlei ergänzen.

Dieses Mal haben wir keine äußere sichtbare Mauer zu überwinden, dieses Mal geht es um eine andere Art von Mauer, die allerdings mindestens genauso schwer zu beseitigen ist.

Oh, das war jetzt wieder einer dieser unzulässigen Geschichtsvergleiche - wie konnte das nur passieren?

 

p.s. Die hier präsentierte Schubladenanordnung entspricht dem gängigen Narrativ. Was nicht heißen soll, dass es auch andere mögliche Schubladenanordnungen gibt.