Solidarität - wie wir uns selbst belügen

 

Solidarität kann man auch falsch verstehen

Solidarität wird derzeit großgeschrieben, allerorten wird dazu aufgerufen.

Solidarität mit den Kranken und Alten. Solidarität mit den Maßnahmen der Regierung. Solidarität mit Menschen aus Gesundheitsberufen.

Wir sollen solidarisch sein.

Krisen bringen das Beste und das Schlechteste in uns hervor. Im besten Falle ein solidarisches Miteinander. Im schlechtesten Falle Denunziantentum und Sippenhaft. Wenn plötzlich alle von ihrer eigenen Solidarität entzückt sind, darf man kritisch sein.
Die Solidarität mit den alten und kranken Menschen, die ja grundsätzlich sehr gut wäre – wo war sie denn vor Corona und wo wird sie nach Corona sein? Wir sind kein Volk, das sich bisher besonders dadurch ausgezeichnet hätte, sich intensiv um das Wohl der alten Menschen zu kümmern. Und wir sind nie dadurch hervorgetreten, dass wir bereit waren, kranken Menschen oder Menschen mit Handicap einen Platz in unserer Leistungsgesellschaft zu geben. Es wird zur Solidarität mit den Alten und Kranken von oberster Stelle aufgerufen und die Herde läuft mit und feiert sich als solidarisch. Und nie war es einfacher Lebensretter zu sein. Bemerkenswert.

Zu den Kranken gehören übrigens nicht nur Menschen mit physischen Erkrankungen wie Diabetes, Krebs oder Herzinfarkten, sondern auch mit Menschen mit psychischen Erkrankungen. Da war doch etwas, oder? Die Zahl der Menschen mit Depressionen und Angsterkrankungen ist in den letzten Jahren massiv gestiegen, hat die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen überholt. Ja, und wie ist das mit den psychisch kranken Menschen in dieser Corona-Krise und der Solidarität? Wer schützt die, die mit schweren Depressionen in Quarantäne sind, die mit Angsterkrankungen allein zu Hause sind und deren PsychotherapeutInnen mal eben ihre Praxen geschlossen haben?

Wir sind gerade so solidarisch, aber bitte nur da, wo es gerade staatlich eingefordert wird und uns deshalb Anerkennung beschert und wir uns unsere likes bei in den social media abholen können.

Solidarität hört gerade auf, wenn es um Obdachlose geht, die die Krise am härtesten trifft. Dafür hat man nun wirklich keine mentalen Kapazitäten. Sie hört auf bei den Flüchtlingen, die in Lagern eng zusammengepfercht leben und für die Corona eine andere Bedrohung ist als für deutsche BürgerInnen der Mittelschicht, die in stuckverzierten Altbauwohnungen die Entschleunigung genießen.

Solidarität hört derzeit auf, wenn es um misshandelte Kinder und Frauen geht. Die massive Zunahme häuslicher Gewalt durch Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen scheint relativ wenige zu berühren, die in solidarischer Manie nach noch härteren Maßnahmen schreien.

Es ist leicht, eine Coronakrise als Geschenk und seine eigene Solidarität zu feiern, wenn man ausgestattet mit guten finanziellen Rücklagen ohne Sorgen um das eigene physische oder psychische Überleben sich auf seiner Ledercouch zurücklehnt und dem ganzen Treiben mit einer gewissen Distanz zusehen kann.

Solidarität kann sehr verlogen sein. Dann, wenn sie dort aufhört, wo wir keine Lust haben solidarisch zu sein, weil es uns zu anstrengend wird.

Henning Scherf, der ehemalige Bürgermeister von Bremen hatte recht, als er auf die zunehmend missbräuchliche Verwendung des Begriffes verwies und sagte:

„Solidarität ist eine Leerformel geworden, nicht zuletzt weil der Begriff durch inflationären Gebrauch seines Kerns beraubt wurde.“[1]

 

 

[1] Gemeinsam statt einsam: Meine Erfahrung für die Zukunft, Verlag Herder 2010, Seite 10

 

01. April 2020

Wenn der öffentliche Raum zum Überwachungsraum wird...

Geht man in diesen Tagen im Wald spazieren, bei dauerhaft erstaunlich gutem Wetter, inmitten von Vogelgezwitscher und blühenden Buschwindröschen, könnte man kurzzeitig denken, es sei ein ganz normaler Frühling. Bis einem auf einem kleinen Waldweg ein Polizeiauto entgegenkommt. Im Wald fahren sonst keine Polizeiautos herum... Dann weiß man wieder, es ist nicht irgendein Frühling, es ist der Frühling 2020, Corona-Frühling.
Ein Frühling, in dem man sich nicht mehr unbehelligt irgendwo im öffentlichen Raum niederlässt. Die BürgerInnen werden überwacht, kontrolliert, ob sie sich regelkonform verhalten, ob sie Widerstand leisten. Man kann einwenden, naja, das sei in diesen Zeiten ja unumgänglich, weil es nun mal 'diese Idioten gibt, die trotzdem machen, was sie wollen'. Wenn ich mich im öffentlichen Raum neuerdings überwacht und kontrolliert fühle, hat sich etwas im Staate Deutschland geändert.
Demokratie wird selten schlagartig ausgehebelt - es ist ein schleichender, langsamer Prozess, der erst ganz unbemerkt stattfindet. Die teilweise Aufhebung der Grundrechte (Versammlungsrecht, Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Bewegungsfreiheit) im Zeichen der Anwendung des Infektionsschutzgesetzes wird längst als rechtswidrig von VerfassungsrechtlerInnen kritisiert, zumal angesichts der derzeitigen Dauer. Das sind Fakten, mit denen wir derzeit umgehen müssen. Aber auch das sich einschleichende Gefühl, jederzeit überall kontrolliert werden zu können (oder auch denunziert werden zu können), sollte ernstgenommen werden. Demokratie ist nichts Selbstverständliches - und gerade in diesen Zeiten sollte alle BürgerInnen wachsam sein, an welchen Stellen unser Wertesystem im Angesicht des absoluten Primats der Gesundheit ausgehöhlt wird.
P.S. Wir sollten Artikel 20 des Grundgesetzes wieder ernstnehmen:
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

 

22. März 2020

 

Offener Brief an den Spiegel

 

Bisher habe ich Ihr Magazin als vielseitig und umfassend informierendes Medium geschätzt. Nun sei eine Anmerkung erlaubt: Mein Eindruck ist, dass Ihre derzeitige Berichterstattung sich kaum noch von der einer BILD-Zeitung unterscheidet, außer dass die Sätze etwas länger sind. Ihre Aufmacher schüren Panik und Angst in der Bevölkerung!

Warum berichten Sie von Horrorszenarien aus Italien? Warum schreiben Sie zuoberst: "Angriff auf die Lunge" und verwenden damit eine Kriegsmetapher?

Weil es Ihnen noch mehr LeserInnen beschert? Geht es in diesen Zeiten allein um LeserInnenzahlen und Profit?

Was bringt es, wenn Sie als Magazin noch mehr Angst in einer ohnehin verunsicherten Bevölkerung verbreiten? Angst führt zu irrationalen Hamsterkäufen, zu psychischen Erkrankungen und zum Zusammenbruch des Immunsystems.

Übernehmen Sie wieder Verantwortung!

Machen Sie es wie in Taiwan, einem Land, dem man bezüglich der Viruskrise die schlechteste Prognose gab und das diese erstaunlich gut bewältigt hat. Ein Schlüssel dazu war, an den Anfang aller Berichterstattung positive Nachrichten zu stellen: Wie viele Menschen sind bereits geheilt, wie vielen geht es mit der Erkrankung gut?

Mit Ihrer Art der Berichterstattung scheinen Sie zu einem Propaganda-Medium zu werden, das nur noch ein Ziel verfolgt - mitzuhelfen staatliche Erlasse durchzusetzen.

'Wollt Ihr, dass es so schlimm wie in Italien wird? Hier sind die Bilder.... Nein?.... Dann tut, was Euch gesagt wird.... Denkt nicht nach, folgt Eurer Angst und gebt widerstandslos die demokratischen Werte auf.'

Die kann und darf nicht Ziel eines Magazins wie des Ihrigen sein!

Was ich vermisse, sind Berichterstattungen über Probleme, die wir billigend in Kauf nehmen. Keinerlei Berichterstattung dazu, welche gravierenden psychischen Probleme ausgelöst oder verschärft werden durch Ausgangssperren. Millionen psychisch kranke Menschen scheinen angesichts des Virus  keine Rolle mehr zu spielen. In der Schweiz äußern sich in Zeitungen und Magazinen PsychiaterInnen zu diesem Problem - wie solche Zwangsmaßnahmen posttraumatische Belastungsstörungen auslösen werden, wie die Zahl der Angsterkrankungen zunehmen wird und wie die Zahl von Suiziden bei bereits Erkrankten massiv zunehmen wird.

Was ich vermisse sind Artikel, die sich kritisch auseinandersetzen mit dem fraglosen Aufgeben demokratischer Werte in einem Land wie dem unseren.

Ich vermisse eine Analyse davon, wie derzeit schwarze Pädagogik an einem ganzen Volk exerziert wird: Wollt Ihr nicht hören, dann verschärfen wir die Maßnahmen. Erziehung durch Drohung und Strafe. Was in den letzten Jahren zum Konsens wurde  - dass eine solche Erziehung schadet und abzulehnen ist, wird nun zur Methode, um ein ganzes Volk vermeintlich zur Raison zu bringen.

Wenn Sie wieder als reflektiertes Medium ernst genommen und Ihren vermutlich eigenen Ansprüchen gerecht werden wollen in diesen Zeiten, ändern Sie bitte die Art und Weise Ihrer Berichterstattung.

Übernehmen Sie bitte Verantwortung für dieses Land, für unsere Demokratie!

Auch JournalistInnen müssen ihren Präfrontalkortex wieder einschalten und sich von der allgemeinen Angsthysterie distanzieren und dürfen nicht vernebelt vom Angstwahn angesichts von Vergänglichkeit und Tod ihren Verstand verlieren.

Danke.

 09. März 2020

Der beschädigte Rechtsstaat

 

Ich mache mir derzeit Sorgen um die Persönlichkeits- und Freiheitsrechte hierzulande, die ein hohes Gut sind, nicht zuletzt in einem Land mit unserer Geschichte.

Bereits die durchgesetzte Masernimpfpflicht hat in diese Rechte massiv eingegriffen. Natürlich mag man genügend medizinische Beweise vorbringen, warum diese notwendig sei. Das Problem ist, dass man vermutlich für die meisten solcher Eingriffe genügend vermeintliche Experten finden wird, die scheinbare Begründungen liefern. Abgesehen davon gibt es in Deutschland bis jetzt keinen reinen Masernimpfstoff (es ist immer ein Kombinationsimpfstoff, der nun zwangsverabreicht wird, nicht nur gegen Masern, sondern zugleich gegen Mumps und Röteln).

Wie weit darf der Staat gehen und wie weit reicht die Selbstbestimmung des Einzelnen?

Die Diskussion um Organspenden berührt denselben Bereich.

Eine Widerspruchslösung, bei der ein Schweigen Zustimmung bedeutet hätte, würde den eigenen Körper nach dem Tod (wann genau das auch immer ist, das wird in einzelnen Ländern sehr verschieden gehandhabt) zum Eigentum des Staates machen.

In Zeiten der mee-too-Debatte eine seltsame Kehrtwende -

wenn eine Frau bei einer Vergewaltigung nichts sagen kann, bedeutet dies sicher kein Ja - darüber dürften sich die meisten Menschen (hoffentlich) einig sein.

Und nun der Umgang mit dem Corana-Virus, der zunehmend als wenig gefährlich für den Einzelnen eingeordnet wird. Sollte man sich in der Nähe infizierter Menschen aufgehalten haben, kann dies momentan dazu führen, dass man für 14 Tage in seiner Wohnung eingesperrt wird. Dies darf mit Polizeigewalt durchgesetzt werden und kann bei Zuwiderhandlung zu einer Gefängnisstrafe führen.

Das Infektionsschutzgesetz steht hier höher als Persönlichkeits- und Freiheitsrechte. Wenn es um Krankheiten wie Ebola geht, sicher sinnvoll. Aber ist eine vierzehntägige Quarantäne angesichts eines Virus, der oft gar keine Symptome verursacht, noch verhältnismäßig? Sicher - auch hier kann man gewiss wieder inhaltlich begründen, warum dies so gehandhabt werden muss. Abgesehen davon, dass eine vierzehntägige Quarantäne für Menschen mit Traumatisierungen eine kaum zu bewältigende Ohnmachtserfahrung darstellen würde. Aber das ist dann ja auch egal.

Doch was passiert hier die ganze Zeit?

Alle Diskussionen, die nur auf der rein sachbezogenen Ebene geführt werden, als dass erklärt wird, warum es eben eine Masern-Impfpflicht geben muss, warum eine vierzehntägige Qurantäne berechtigt ist, gehen am Kern vorbei.

Es geht darum, als BürgerIn dieses Staates wachsam zu bleiben, was den Eingriff in unsere Grundrechte betrifft.

Wenn sich diese Eingriffe häufen, sollten wir das nicht hinnehmen und schweigen. Es geht um Demokratie!