· 

Wie mit dem Schmerz umgehen? – Der schwierige Weg der Aufarbeitung

Aufarbeitung der Corona-Zeit scheint mittlerweile geradezu ein Reizwort geworden zu sein. War man auch als gemäßigter Maßnahmenkritiker in Corona-Zeiten sofort unter Querdenker- oder Aluhut – oder Naziverdacht, so wird man, wenn man für die Aufarbeitung der Kollateralschäden dieser Zeit plädiert, ebenso reflexhaft mit den bekannten Etiketten überzogen. Wer sich der Aufarbeitung stellen und ihr einen Raum geben möchte, ist schnell mit dem Phänomen konfrontiert, dass die meisten Menschen aus Angst, in die ‚falsche Ecke’ gestellt zu werden, lieber die Finger davon lassen. Dass in der Politik Forderungen nach einer Debatte zur Aufarbeitung der Corona-Politik vor allem aus der AfD kamen, dass diese Partei ein Corona-Symposion im November 2023 stattfinden ließ, scheint nicht gerade förderlich dafür gewesen zu sein, dass man bei diesem Thema einer Offenheit oder zumindest neutralen Haltung begegnen könnte, auch wenn die FDP ebenso die Einsetzung einer Enquete-Kommission forderte.

Die Weigerung in breiten Teilen der Politik, aber auch in der Gesellschaft, sich den offensichtlichen und gravierenden Folgen der Corona-Politik zu stellen, ist auffällig. In einer Gesellschaft, in der sich sonst jeder wohlfühlen soll, wo jedes dritte Wort korrekterweise mit einem Sternchen zu versehen sei, damit sich niemand auf den Schlips getreten fühle, mutet es seltsam an, wenn man stillschweigend all jenes unter den Tisch kehrt, was gegen fundamentale Werte einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft verstoßen hat.

Unter unserem Alltag wohnt seitdem ein großer Schmerz, der jedoch keinen Platz bekommen kann und darf. Vielleicht scheint er zu groß, zu unerträglich, um ihn zu fühlen, aber er ist da mit all seinen teilweise fatalen Folgen. Denn dieser ungesehene Schmerz erzeugt Wut in weiten Teilen der Gesellschaft, die sich derzeit an unterschiedlichsten Schauplätzen entlädt, umso mehr, als eine Politik, die einen Großteil der Folgen ihrer Corona-Politik zu verantworten hat, so tut, als sei nichts gewesen.

Indem der Schmerz dieser Zeit nicht gesehen, gehört und gefühlt werden darf, wird ein Kampf gegen ihn, gegen die Wunden der Corona-Zeit geführt. Wenn man sich eine schwere Wunde auf physischer Ebene zuzieht, ist es klar, dass diese versorgt werden muss, damit sie sich nicht infiziert und entzündet.

Die Corona-Zeit hat offene Wunden hinterlassen, die ebenso versorgt werden wollen. Seelische Wunden müssen gesehen und gewürdigt würden. Damit sie heilen können, ist es wichtig, den in ihnen innewohnenden Schmerz noch einmal zu fühlen.
Offenbar wird entweder vollkommen unterschätzt oder aber willentlich ignoriert, wie enorm die Verletzungen in unserer Gesellschaft sind. Da sind die Wunden jener, die ihre Angehörigen beim Sterben nicht begleiten durften, denen es verweigert wurde, diesen eine würdige Beerdigung zukommen zu lassen. Die Wunden jener, die monatelang eingesperrt in Alten- und Pflegenheimen wie in Isolationshaft vereinsamten, machtlos, ohne eigene Entscheidungsmöglichkeit, und natürlich die ihrer Angehörigen. Die Wunden der Kinder und Jugendlichen, die während der Lockdowns von jetzt auf gleich aus ihrem sozialen Umfeld gerissen wurden, deren Vertrauen in das Leben massiv angegriffen wurde und vor allem jener Kinder und Jugendlichen, die nicht in einem sicheren und beschützten Umfeld aufwachsen und fortan einer bedrohlichen und gewalttätigen Atmosphäre ausgeliefert waren. Die Wunden der Menschen, die aufgrund einer Erkrankung keine Maske tragen konnten und sich täglich den wüstesten Beschimpfungen ausgesetzt sahen, obwohl sie eigentlich Schutz verdienten. Die Wunden der Menschen, die sich kritisch gegenüber den verhängten Maßnahmen zeigten und die mit heftigsten Beleidigungen überzogen wurden. Die Wunden der Menschen, der sich gegen eine medizinische Behandlung in Form einer mRNA-Spritze entschieden, die über ihren Körper selbst entscheiden wollten, und die von allen Seiten zu unzurechnungsfähigen Idioten erklärt wurden, die die Schuld an der Pandemie zu tragen hätten und die ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft und oft auch ihren Arbeitsplatz verloren. Ja, es sind unerträglich lange Aufzählungen, die alles andere als vollständig sind. Denn da sind auch die Wunden derer, die über Generationen geführte Familienbetriebe aufgeben mussten. Und die Wunden derer, die enge Freunde und Weggefährten verloren, weil diese sich von ihnen unwiderruflich abwandten, da sie als Kritiker der Corona-Politik nicht mehr im Kreis der Familie oder Freunde zu dulden waren. Die Wunden der Menschen, die ihr Vertrauen in unsere Demokratie, in unsere Politik verloren.

All diese gerissenen Wunden blieben ungeheilt. Irgendwann verschwanden die Corona-Inzidenzen von der Tagesordnung, es verschwanden die Masken, irgendwann immer mehr das Thema der Covid-Spritze, und die Schlagzeilen wurden von anderen Themen beherrscht.

Doch da schwelt etwas untergründig. Jene Wut, die den Schmerz irgendwie in Grenzen halten soll. Und auch jene Angst, dass dies alles jederzeit wieder geschehen könnte. Sollte es eine nächste Pandemie geben, was nicht zu hoffen, aber leider nicht ganz unrealistisch ist angesichts bestimmter Entwicklungen – wie werden wir uns dann verhalten? Wird wieder ein Großteil der Gesellschaft bereitwillig Regeln befolgen, die offensichtlich verfassungswidrig und unmenschlich sind? Werden wieder jene Menschen, die es wagen anders zu denken, gnadenlos ausgegrenzt werden? Gehen wir wieder so weit oder noch weiter?

In meinem Plädoyer für eine Aufarbeitung dieser Corona-Jahre stieß ich auf die einigermaßen verstörenden Fragen: Warum denn diesen Schmerz noch einmal fühlen? Was soll das denn bringen?

Weil Wunden sich eben nur schließen und verheilen können, wenn sie noch einmal gesehen werden. Und weil verheilte Wunden die Voraussetzung dafür sind, Frieden in unserer Gesellschaft zu schaffen. Wenn wir permanent gegen einen untergründigen Schmerz kämpfen müssen, wenn dieser rigoros beiseite geschoben wird, dann führen wir Krieg gegen uns selbst.

Wir sind seit Jahren mit dem Thema Krieg auf immer massivere Weise konfrontiert. In Corona-Zeiten erklärte man einem Virus den Krieg, Politiker griffen dabei auf militärisches Vokabular zurück. Man führte Krieg gegen alle Kritiker und Andersdenkenden auf eine Weise, die in ihrer brachialen Art zuvor kaum vorstellbar gewesen wäre. Kaum klang das Corona-Desaster ab, begann der Ukraine-Krieg, etwas später gefolgt von dem Krieg in Nahost. Es werden immer mehr und immer tödlichere Waffen gefordert, die Politik irritiert sowohl mit ihrer sprachlichen Aufrüstung als auch mit ihrer allgemeinen Kriegsbesoffenheit.

Eine durch Corona-Zeiten schwer traumatisierte Gesellschaft bewegt sich immer tiefer in eine Gewaltspirale hinein, deren Ausgang man sich eher nicht vorstellen möchte. Doch wie das Ganze aufhalten, was so unaufhaltsam immer destruktivere Formen annimmt?

Hier kann nur jeder Mensch bei sich selber anfangen und schauen, wo er Krieg gegen sich selbst und gegen andere führt. Die Schauplätze der äußeren Kriege sind umso ‚attraktiver’, je heftiger der Krieg in uns selbst tobt.

Wenn die Aufarbeitung der Corona-Zeit unterbunden wird, wenn in großen Teilen der Gesellschaft keine Bereitschaft ist hinzusehen, dann müssen wir Krieg gegen all den Schmerz führen, den diese Zeit hinterlassen hat. Jedes unverarbeitete Trauma hinterlässt das Gefühl von Ohnmacht, von Wut, von Trauer, von wiederkehrenden Erinnerungen und von Angst, dass sich das Ganze wiederholen könnte.

Dass derzeit so viel Wut in unserer Gesellschaft ist, wie sie sich in Form von Bauernprotesten, von Anti-Rechts-Demonstrationen oder in Form von Protestwählern zeigt, muss angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre mehr als verständlich sein. Wer in seinen Bedürfnissen dauerhaft ungesehen bleibt, wird immer wütender.

Dass die Aufarbeitung des Schmerzes aus der Corona-Zeit an vielen Stellen unterbunden wird, hat viele Gründe. Der unverarbeitete Schmerz bindet Menschen, sie bleiben darin immer ein wenig gefangen, und dann können sie nicht als freie Individuen die anstehenden Entwicklungsprozesse mitgestalten. Es könnte sein, dass dies an manchen Stellen durchaus gewollt ist.

Umso wichtiger ist es, gemeinsam sich der Aufarbeitung zu stellen, den Schmerz gemeinsam zu würdigen und zu tragen, auf dass wir freier und friedlicher in die Zukunft aufbrechen können.