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Der Wahrheitsanspruch der Eliten – unsere neuen Sekten

Ein seltsames Phänomen ist hierzulande zu beobachten – und damit meine ich nicht außergewöhnliche Himmelskonstellationen oder immer schrillere politische Vorschriften, sondern eine Form neuer Elitenbildung.

Der Begriff der Elite, der von dem lateinischen Verb eligere abstammt und auslesen bedeutet und heute meist eine Gruppierung überdurchschnittlich qualifizierter Personen oder die herrschenden einflussreichen Kreise der Gesellschaft bezeichnet, hat in den letzten Jahrzehnten einen Bedeutungswandel erfahren. Gab es bis in die 1970er Jahre eine tiefgreifende Skepsis gegenüber diesen Personen und Gruppen, dem establishment, so findet sich heute ein anderes, positives Eliteverständnis. Es ist eine relativ junge Erscheinung, dass unbefangen von Funktionseliten, Leistungseliten, Meinungseliten und Wissenschaftseliten gesprochen werden kann.

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann stellt die positive Bewertung der Elite, die im Bildungsbereich heute selbstverständlich ist, in Frage. Das aktuelle Verständnis der Elite sei aus dem neoliberalen Geist des Wettbewerbs geboren und habe der Elite, die vielfach versagt habe, eine falsche Aura verliehen.[1] Er kritisiert, dass heutige Eliten sich als liberal und fortschrittlich geben, aber im Kern eine Art aufgeklärten Absolutismus praktizierten und in ihrem Echoraum der Gleichgesinnten sich weitestgehend davon abgeschottet hätten, was in der Welt wirklich passiert. In den 1960er Jahren eine Eliteuniversität zu gründen, wäre unmöglich gewesen, so Liessmann, aber heute geht es wieder – interessanterweise kommt nun allerdings die Kritik nicht mehr von links, sondern von rechts.

Insbesondere seit der Corona-Krise, die vorhandene gesellschaftliche Gräben sichtbar gemacht, aber auch vergrößert hat, ist der Elitebegriff in alternativen Medien en vogue. Es findet sich hier massive Kritik an der sog. Machtelite oder der Herrschaft der Elite, wobei der Elitenbegriff fast inflationär gebraucht wird. Gibt man bei Telegram diesen Begriff ein, so kommen zahllose Einträge von der Globalisten-Elite über die Weltregierung der Elite bis zur machtdekadenten Elite.

Elitebewusstsein findet sich allerdings noch in einem ganz anderen Kontext, und zwar wenn es um das Selbstverständnis von Gruppen geht. Findet sich in bestimmten Gruppierungen ein ausgeprägtes Elitebewusstsein, kann man davon ausgehen, dass diese destruktive Tendenzen aufweisen. Die Mitglieder verstehen sich als auserwählt, als spirituell weiterentwickelt, als Speerspitze des Wissens.

Elitebewusstsein ist daher auch ein zentrales Merkmal von Sekten. Weitere typische Merkmale solcher oft religiöser Gruppierungen oder anderer Kulte sind das Schwarz-Weiß-Denken, Endzeiterwartung und die Spaltung in Innen und Außen, womit die Abwertung der Außenwelt einhergeht. Man kann hier geradezu von einem Gruppenfieber der Gleichgesinnten sprechen.

Vergleicht man nun die Merkmale von Sekten mit denen der jeweiligen Lager in der Corona-Zeit, so kann man einigermaßen erstaunt sein. Gleichgültig, ob Maßnahmenbefürworter oder Maßnahmenkritiker, ob Zero-Covid-Verfechter oder Plandemie-Erklärer – hier wie da finden sich Merkmale eines sektiererischen Umgangs mit der Welt. Das typische Kritikverbot mit der damit einhergehenden Diffamierung von Kritikern war in der Corona-Zeit besonders auffällig. Ebenso der Absolutheitsanspruch, die Idee der absoluten Wahrheit des eigenen (wissenschaftlichen) Systems sowie Erlösungs- und Heilsversprechen in Form einer Spritze.

Ist nun unsere ganze Gesellschaft zu einer Sekte geworden - bzw. genauer gesagt - hat sie sich in mehrere Sekten-Lager aufgespalten, die sich unversöhnlich gegenüberstehen?

Interessanterweise geht die Kritik an den Machteliten in alternativen Kreisen gleichzeitig einher mit einem ausgeprägten Elitebewusstsein. In maßnahmenkritischen Gruppierungen findet sich zentral die Idee, dass man wisse, was eigentlich geschehe, es ist die Rede von den Aufgewachten im Gegensatz zu den Schlafenden, und dass all jene, die noch nicht verstanden haben, wie wir von einer Globalisten-Elite gesteuert werden, nicht bereit wären wirklich zu erkennen, weil die Wahrheit so schwer erträglich sei. Das Ganze gepaart mit der ausgeprägten Endzeiterwartung eines transhumanistischen Great Resets, verbunden mit dem Untergang des menschlichen Geistes.

So kritisch viele Maßnahmen und Entwicklungen der Corona-Zeit zu sehen sind, so kritisch muss man eine solche der Komplexität des Geschehens nicht gerecht werdende Einseitigkeit mit ihren fatalistischen Tendenzen betrachten. Weil es einige Gruppierungen gibt, die extreme Formen eines Transhumanismus anstreben, heißt dies nicht, dass es automatisch so kommen wird. Hier begeben sich die Mitglieder dieser Gruppierungen in eine opportune Opferrolle. Weil irgendwelche tatsächlichen oder phantasierten Machteliten das Schicksal der Menschheit steuern, ist man selbst dem Geschehen ohnmächtig ausgeliefert. Hier ist der Punkt, an dem der Vorwurf der Verschwörungstheorie, der aus dem anderen Lager kommt, greifen kann.

Viele der kritischen Gruppierungen bewegen sich ausschließlich in jenem Echoraum der Gleichgesinnten, die in den sozialen Medien sich permanent selbst bestätigen, verstärkt durch entsprechende Filterblasen, so dass man nicht mehr mit anderen Meinungen konfrontiert wird, was zu einer immer weiteren Verengung der eigenen Weltsicht führt. Innerhalb dieser Meinungsblasen kann sich ein Elitebewusstsein entfalten, dass intensiv sektiererisch anmutet. Wer sich ausschließlich innerhalb solcher Meinungsblasen bewegt, egal zu welchem Lager er sich selber zählt, hat die Tendenz, sich immer weiter von anderen Perspektiven auf die Welt zu entfernen. In den letzten Jahren konnte man beobachten, wie manche Menschen sich immer weiter in eine bestimmte Form der Weltbetrachtung hineinsteigern – sei es der vehemente Kampf gegen Viren und für absoluten Gesundheitsschutz inklusive der Forderung von ständiger Überwachung, oder aber auch die Überzeugung von einem deep state, ausgehend von der Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen.

Möglichkeiten werden immer wieder zu Tatsachen erklärt, wie auch im Falle der Wettermanipulation. So gibt es seit den 60er Jahren Forschung im Bereich des Geoengineering, womit großräumige Eingriffe mit technischen Mitteln in geochemische und biogeochemische Kreisläufe der Erde gemeint sind, um Einfluss auf Klima und Wetter nehmen zu können. Seit der Corona-Krise findet die Idee, dass großflächig bereits jetzt giftige Chemikalien ausgebracht werden, was mit einer speziellen Art von Kondensstreifen bewiesen werden soll, die langlebiger seien und sich großflächiger ausbreiten, zahlreiche Anhänger. Als Motiv für Chemtrails werden Bevölkerungsreduktion, Abschwächung des Treibhauseffektes und militärische Zwecke genannt. Es kursieren Fotos im Internet von Flugzeugen gefüllt mit Tanks, die als Beweis für das Ausbringen von Chemtrails dienen sollen – man muss allerdings davon ausgehen, dass hier mit Wasserstoff gefüllte Ballasttanks von Prototypen mit vermeintlichen Chemietanks zur Erzeugung von Chemtrails verwechselt werden. In Kreisen, die davon überzeugt sind, dass es schon jetzt in großen Maße zur Himmelsvergiftung kommt, kann man nicht darüber diskutieren, dass diese Überzeugung eventuell nicht stimmen könnte – man landet sofort in der Ecke des naiven Schlafschafes, dass einiges einfach noch nicht begriffen hat.

Der Begriff der Verschwörungstheorie hat sich in Coronazeiten sehr abgenutzt, da berechtigte Kritik an den Maßnahmen sofort als Verschwörungstheorie verunglimpft wurde. Alle Maßnahmenkritiker, alle Ungeimpften, alle Demonstranten wurden in dieser Zeit als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt.

Es scheint so, dass dieser Umgang mit Kritik dazu geführt hat, dass echte Verschwörungstheorien immer attraktiver werden, da ja offensichtlich jenes, was heute Verschwörungstheorie ist, morgen wahr sein wird. Die Bereitschaft, sich in völlig abstruse Weltbilder zu versteigen, scheint größer denn je.

Wie können wir uns in einer Gesellschaft, in der teilweise extreme Positionen sich unversöhnlich gegenüberstehen, wieder aufeinander zu bewegen, wieder in den Austausch kommen, miteinander reden, diskutieren, den Debattenraum wieder weiten? Eine Voraussetzung dafür ist sicher die Bereitschaft, das eigene Weltbild in Frage zu stellen, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass man sich irren könnte.

Denn wer weiß schon mit absoluter Sicherheit, was wahr ist, wie die Welt von morgen aussieht, welche Kräfte wie wirken? Wir können uns informieren, wir können interpretieren, Schlüsse ziehen, wir können nachdenken, aber wir sind niemals davon frei uns zu irren.

 

 

[1] https://www.deutschlandfunk.de/ueber-eliten-3-4-im-echoraum-mit-gleichgesinnten-100.html