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Was
der Mensch sein mag, und was er ist
von Susanne Haupt, www.langeleine.de
Mehr als nur Worte: Gyde
Callesen liest aus ihrem neuesten Werk in der Oststadtbibliothek
Rot, soweit das Auge reicht: Genauso intensiv wie das Buchcover von
"Flamingos am Abendfenster" ist auch die Autorin in ihrer Wortwahl
Was kann man von einem Menschen, der sich bereits im jungen Alter von zwölf
Jahren dazu entschied, Schriftstellerin zu werden, sagen? Gyde Callesen
entschloss sich früh und rückte nicht eine Sekunde von ihrem Traum ab.
Mittlerweile ist ihr siebtes Werk erschienen, und in einer Zeit, wo Lyrik in
manchen Augen nicht mehr zu sein scheint als Schillers Glocke, belegt sie mit
"Flamingos am Abendfenster" die geballte Kraft der Worte. Einige ihrer Gedichte
sind von unvergleichbarer poetischer Intensität, andere wiederum setzen sich kritisch
mit den heutigen Werten auseinander. In ihren Texten geht es um das
Sich-Selbst-Wiederfinden, um Leistungsdruck, um die Hetzjagd nach Geld und um
falsches Glück. Und darum, wie sich Menschen heute selbst definieren. Durch
stetiges Interesse an freien Künsten, der Philosophie und anderen fernöstlichen
Lebensweisen erarbeitete sich Gyde Callesen während ihrer verschiedenen
Schaffensphasen sozusagen einen Blick von oben: Fast wie ein Vogel kreist sie
mit der Sprache über den gesellschaftlichen Missständen, ohne jedoch dabei den
erhobenen Zeigefinger hervorzuholen. Als gebürtige Flensburgerin ist die Autorin nicht nur ein
weiterer Beweis, dass Lyrik mehr als eine Jahrhunderte alte verstaubte Truhe
ist, in der nur Herren modern, die längst das Zeitliche gesegnet hat, sondern
auch ein Glanzlicht der hiesigen Lyrikszene. Das geschriebene Wort kann also
doch noch jenseits von Zeitungen und Romanen existieren und sich wieder in poetische
Betten legen lassen. Beobachten wir also die Flamingos am Abendfenster!
www.langeleine.de

"Ich möchte Ihnen vielmals für Ihr Buch "Maya mein Mädchen" danken. Ich
bin selbst Borderlinepatientin und habe ewig einen Weg gesucht, dies meinem Vater zu erklären.
Ich habe Nächte nach den richtigen Worten gesucht und sie nicht gefunden.
Durch Zufall bin ich dann durch einen Tip in einem Forum auf Ihr Buch
gestoßen.
Ihre Art zu schreiben macht es für Angehörige möglich zu verstehen!! Nun brauche ich keine Worte mehr suchen. Ich habe ihm das Buch geschenkt und
er hat verstanden!"
Leserin, November 2009
"Absolut empfehlenswert! Das Buch ist so spannend, dass ich es in wenigen
Stunden verschlungen habe. Ich als Betroffene hätte nicht gedacht, dass die
Störung so authentisch dargestellt werden kann. Maya, die Hauptperson, leidet an der Borderline-Persönlichkeitsstörung und
berichtet von ihrem Leben mit dieser Krankheit. [...]
Das Gefühlsleben einer Borderlinerin wird überzeugend geschildert, das ewige
Auf und Ab und die phasenweise Distanz zum eigenen Körper wird so dargestellt,
dass es auch jemand versteht, der mit dem Störungsbild nicht so vertraut ist.
Ein sehr empfehlenswertes Buch!"
Leserin, amazon.de, 2008
«Genial! Ich habe noch nie ein Buch gelesen, das mich so
zum Weiterlesen gedrängt hat, wie dieses. Man kann es absolut nicht zur Seite
legen, man muss einfach wissen, was weiter geschieht...
Das Thema mag vielleicht nicht jedermanns Sache sein, aber selbst jemand der
damit eigentlich nichts anfangen kann, wird die Geschichte verstehen (und damit
meine ich "mitfühlen"). Nur zu empfehlen!"
Leser, amazon.at, 2007
"Ich finde das Buch
"Maya mein Mädchen" nicht nur toll, sondern einfach genial!
Das ist mit Abstand das beste Buch, das ich je gelesen habe!
Sie schreiben in dem Buch einfach fern von Klischees, schreiben die Fragen
auf, die man sich selbst stellt, sprechen das aus, was eigentlich ein Tabu ist.
Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll, aber Sie schreiben so nah...
Man ist genau in Mayas Kopf, kann perfekt nachvollziehen, warum sie Dinge
tut, wie sie fühlt und denkt...
Dann habe ich Ihr Buch gelesen und nach weniger als einer Woche hatte
ich es durchgelesen und bin mehr als nur begeistert!
Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Dieses Buch ist einfach super!
Ein Buch, in das ich mich fallen lies.
Danke für dieses Buch!"
Leserin, 2007
"...
Vor einiger Zeit bestellte ich mir "Maya mein Mädchen" bei amazon... Die
Produktbeschreibung und der Textauszug schienen jedenfalls sehr ansprechend -
und ich wurde nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil, all meine Erwartungen wurden
noch übertroffen. Ich besitze das Buch noch schon seit einiger Zeit und kann
nicht mehr zählen, wie oft ich es gelesen habe. Wie oft ich darin
herumgeblättert habe, weil ich etwas brauchte, woran ich mich festhalten
konnte. Ich lese viel und gerne, aber bisher hat es kein Buch geschafft, mich
in dieser Art und Weise zu fesseln, anzusprechen, zu verstehen. ... Ich könnte
unzählige Beispiele und Textbelege heraussuchen, um zu demonstrieren, wieviel
mir dieses Buch bedeutet und wieviel es mir bedeutet, dass Sie es geschrieben
haben. ..."Maya mein Mädchen" ist für mich in seiner Gesamtheit
soviel mehr als nur ein Buch, soviel wertvoller als ein Haufen bedrucktes
Papier. Als ich mich heute zufällig bei amazon umsah, bin ich auf Ihre
Kurzgeschichten- Sammlung "Käfer sind ungerade" gestoßen und habe sie
mir sofort bestellt. Sozusagen als "Geburtstagspräsent an mich
selbst", denn in 6 Tagen darf ich mich offiziell als volljährig
bezeichnen. Und ich hoffe, dass Ihr Buch bis dahin ankommt. Es wäre ein
wunderschönes Geburtstagsgeschenk...
"
Leserin, 2007
"...Ich
wollte ihnen sagen, dass ich gestern ihr buch 'maya mein mädchen' zu ende
gelesen habe, und es eins der besten bücher ist, das ich bis jetzt gelesen
habe. ich habe gerade mal 2 tage gebraucht... ich werde auf jeden fall noch
andere werke von ihnen lesen, also schreiben sie weiter so tolle bücher!!!"
Leserin,
2007
"Ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll. Ich möchte so viel sagen, aber
ich meine Worte wären zu schwach, um das zu vermitteln, was ich wirklich
sagen möchte. Ich möchte Ihnen danken für dieses Buch, Maya mein Mädchen.
Ich liebe Bücher. Sie sind meine große Leidenschaft. Sie helfen mir Worte zu
finden, die ich in mir trage, aber nicht ausdrücken kann. Sie schreiben in
ihrer Danksagung von Menschen, die auf dieses Buch gewartet haben. Ich zähle
mich zu diesen Menschen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Worte,
für dieses Buch, für Sätze, die offen, direkt und messerscharf sind. Ich
selbst bin betroffen, bin Borderliner. Ich las Ihr Buch in einem Zug durch,
obwohl ich es immer wieder für eine kleine Pause beiseite legen musste. Es
hat so weh getan, mich aufgewühlt, aber mich auch nicht mehr losgelassen.
Danke.
In aufgeregter Erwartung Ihrer zukünftigen Werke."
Leserin, Jahr 2004, Borderline-Betroffene.
"Gestern habe ich Maya mein Mädchen fertig verschlungen. Danke für dieses
Buch. Es hat meine Seele berührt, beflügelt, entsetzt."
Leserin, Jahr 2004.
"[] Ich möchte Ihnen sagen, dass Ihnen da ein sehr sehr gutes Buch gelungen
ist! [] Liebe Grüsse und nochmals DANKE für dieses Buch!"
Leser, Jahr 2005.
"Ich bin noch ganz unter dem, Eindruck der Lektüre Ihres großartigen Buches
"Maya mein Mädchen". Ich bin Psychiater und Psychotherapeut in
Österreich und beschäftige mich seit Jahren mit Borderline, Traumafolgeerkrankungen,
dissoziativen Zuständen usw.
Endlich ein Buch, das die innerseelische Dynamik bedrückend klar beschreibt und
man weiter empfehlen kann.
Ich danke Ihnen für dieses Leseerlebnis."
Leser, Jahr 2005.
"verrückt sein schmeckt nach grapefruit: bitter. süss nur, wenn man zucker darüber streut." "maya,
mein mädchen" ist in einer sehr poetischen sprache geschrieben,
trotzdem offen und direkt. das problem einer borderlinestörung als
folge einer schrecklichen vergangenheit wird so lebensecht beschrieben,
wie ich es als betroffene noch nie zuvo in einem anderen roman gefunden
habe. traurig, spannend, mit- und zerreissend. durch und durch
empfehlenswert!
Leserin - Rezension bei amazon, Jahr 2005.
In zwei "Nachtschichten" habe ich dieses Buch verschlungen. Es war ein
sehr intensives Erlebnis. Ich kann mich an kein anderes Buch erinnern,
in dem eine Ich- Erzählerin so schonungslos offen und nackt berichtet
hat. Absolut ohne Schnörkel und Theatralik und auch ohne eigene Wertung
erzählt die Hauptperson Maya ihre Geschichte. Dabei wird langsam Stück
für Stück aufgeblättert, mit welchen Mechanismen diese junge Frau
versucht sich zu schützen gegen das, was sie erlebt hat.Hammerhart
in manchen Formulierungen: "Ich könnte mich zurückschicken und
reklamieren. Nicht überlebensfähiges Produkt." So zum Beispiel
schildert die Autorin kurz und prägnant die Selbstzweifel ihrer Figur.
Kann man Verzweiflung und Gesellschaftskritik noch kürzer formulieren?
Die Geschichte wird sprachlich auf den Punkt gebracht. Trotzdem
kommt der Humor nicht zu kurz und das Buch ist spannend geschrieben ! Der
Autorin ist es gelungen, ihren ganz persönlichen Sprachstil nicht nur
in der Lyrik, sondern jetzt auch in ihrem ersten Roman zu entwickeln
und auszubauen.
Prädikat : sehr lesenswert !
Leserin, amazon.de, 2003.
* * *



Meine Lese-Empfehlung!
Gyde Callesen, paradiesäpfel angebissen
Ein Brief statt einer Besprechung ...
[...] Da saß ich denn nun auf der Rückfahrt in der
Straßenbahn und versuchte, Paradiesäpfel anzubeißen - will sagen. blätterte in
Ihrem Lyrikband "paradiesäpfel
angebissen". Und biss mich fest! (Ich hoffe, Sie verzeihen
mir die simplen Bilder; mehr ist mit Journalistenpoesie nicht drin ...) Immer wieder einmal ist vom lyrischen Ich
die Rede. Das lyrische Ich ist in Wahrheit ein lyrisches Du - für mich, den
Leser. Am liebsten würde ich, solange ich mich mit den Gedichten beschäftige,
"du" sagen, aber das traue ich mich natürlich nicht, ich würde mich
aufdrängen ... Wieviel Nähe kann eine dichtende Autorin (ein Autor) durch ihre
(seine) Gedichte herstellen? Kommt der Leser (die Leserin) nahe durch die
Gedichte selbst? Oder durch die biografischen Notizen: geboren in Flensburg?
Oder durch die Sprechweise beim Lesen? "als das lyrische ich noch ich
gesagt / und von du gesprochen hatte / bevor das als naiv galt ..." (aus
"memoiren des lyrischen ich"). Bin ich eben naiv, na und? "da
hatte es noch gedichte gegeben" heißt die Schlusszeile. Zum Glück gibt es
trotzdem noch Gedichte. Sie trotzen dem Zeitgeist, werden es immer tun. Gedichte:
immer auch ein Mittel des Widerstands.
Widerstand gegen die Selbstvergessenheit
z.B. (denn wer "selbstvergessen mit den Worten" spielt, hat doch
gleich schon der Selbstvergessenheit widersprochen) (s.
"hypothesen"). Oder Widerstand gegen die Dramen ("adagio"),
gegen den Unglauben und Falschglauben ("jeden tag begottet"), gegen
die Norm-Designer (Titel genau so). Aber nicht nur Widerstand natürlich. Was
soll man schon gegen den "pH-Wert" sagen? Fragen an die Landschaft
werden gestellt, über die Meerfreiheit wird nachgedacht - vielleicht eine
andere, indirekte Form von Widerstand?
Aber vielleicht gehe ich - Ihr lyrisches Du - zu weit, wenn ich
gerade diesen Blickpunkt so
hervorhebe.
"wirklich, du lebst in kalten zeiten! /
das arglose gefühl ist naiv: sehnsucht / deutet auf blindheit hin. der liebende
/ hat den geist der zeit / nur noch nicht begriffen ..." ("an die
nachdichter - frei nach brecht", im Original von Gyde Callesen heißt es
aber "ich lebe").
Da ist er wieder, der Geist der Zeit.
"was sind das für zeiten / wo ein gedicht über gefühle fast ein verbrechen
ist ..." Gut, dass du noch Gefühle hast (finde ich). Und darüber Gedichte
schreibst.
Und: muss es immer gleich um Paradiese
gehen? Aber nein, es geht ja um Paradiesäpfel. Solche, die zum Sündenfall
geführt haben. Und sie werden ja nur angebissen - und dann weggeworfen? Mit
Gedichten stehen wir doch immer an der Grenze, balancieren auf ihr, und müssen
doch scheitern.
Danke, Gyde Callesen, für diese Gedichte. Ich fand sie sehr anregend und werde sie weiter bewegen.
Text: Helge Mücke, Hannover; Bild:
Titelgestaltung des Verlages.
http://kultur.typepad.com/kultur/2008/11/gyde-callesen-paradies%C3%A4pfel-angebissen.html
Buchempfehlung Gyde
Callesen: paradiesäpfel angebissen von
Agis Sideras, in: Wortnetz, 01/08.
Die
Lyrik ist wieder Thema im deutschen Feuilleton. Zwar verkaufen sich
Gedichtbände immer noch nicht angemessen, aber es gibt eine junge,
zeitgenössische Lyrik, die, wenn wir ihren Werbern und Bewunderern glauben
dürfen, hochspannend und von immenser Qualität sei. Der Preisregen, der in der
letzten Zeit über ihre Vertreter niederfiel, scheint für sich zu sprechen. Wer
wissen will, mit welcher Clique und was für einer Art Literatur man es hier zu
tun hat, dem seien die letzten beiden Ausgaben der Zeitschrift BELLAtriste ans Herz gelegt, vor allem
Gerhard Falkners böser und ehrlicher Essay ,Das Gedicht und sein Double' in Nr.
19.
In
diese Diskussion begibt sich nun auch die 1975 geborene Callesen mit ihrem
neuen Lyrikband - und bezieht eindeutig Position. Im ,Ratgeber für junge
Lyriker' empfiehlt sie ironisch: "schreib
über die natur/ das ist sicherer/erfinde metaphern/ entferne den sinn/das ist
besser/für die karriere/schweige von den dingen/und zelebriere die form/um zu
vergessen/dass worte einmal etwas/bedeutet haben könnten". Damit
kritisiert sie treffend und völlig zurecht jene neue Lyrik, von der oben die
Rede war. Gegen virtuos gehandhabte Worthülsen setzt sie Inhalt und Gefühl. Wir
beobachten in ,paradiesäpfel angebissen' eine konsequente Hinwendung zum
politischen Gedicht und die Verteidigung der Sinnlichkeit in den
verschiedensten Facetten. "was sind das
für zeiten/wo ein gedicht über gefühle fast ein verbrechen ist/ weil es die
seele des menschen miteinschließt" dichtet Callesen ,frei nach brecht'. "der liebende hat den geist der zeit nur noch
nicht begriffen" wird bitter konstatiert.
Kennzeichnend
für Callesens Werk ist die thematische und stilistische Vielfalt. Wir finden
auffallend viele poetologische Gedichte (polemisch im bereits erwähnten Sinne),
politische/ zeitkritische Gedichte, Liebesgedichte, Alltagslyrik und letztlich
doch auch eine Vielzahl hermetische Poeme. Die Autorin gehört also nicht zu den
Dichtern, die den einmal gefundenen Ton wiederholend variieren (berühmtes
Beispiel: Celan), sondern pflegt mehrere lyrische Sprechweisen. Darin folgt sie
Helmut Krausser, dessen Kritik der ,Angst vor der Verständlichkeit', mit der er
die ach so schwierigen Lyriker vor einigen Jahren angriff, sie sicher zustimmen
würde.
Die
Tendenzen, die ich skizziert habe, sind Callesen so wichtig, dass sie in einem
,Unlyrischen Epilog' am Ende des Buches in klaren Worten ihre dichterische
Position verdeutlicht. Es bleibt abzuwarten, wie die junge deutsche Lyrik sich
entwickeln wird, und in welcher Weise ,paradiesäpfel angebissen' in diese
Entwicklung eingreifen kann. Callesen hat den Finger auf eine Wunde gelegt. Zum
Schluss soll aber die Lyrikern selbst das Wort haben, und zwar mit einem der
besten Poeme des Bandes, ,technologie' betitelt: "ich hatte die nacht auf dem stundenzeiger
verbracht/in der langsamen unmerklichen/ bewegung vergehender zeit/und hatte
gehofft dabei zu erkennen/dass worte langsamer sterben als minuten/hatte dann
aber dich entdeckt/auf der turmuhr gegenüber/zu weit weg um zu rufen ich liebe
dich/ auch wenn ich dich nicht kenne/ich komme aus einer anderen zeit".
* * *
Bewusstseinserhellende Zeitkritik
Seit ihrem letzten
Lyrikband "Der Fluss unter dem Fluss" sind drei Jahre vergangen,
Jahre, in denen die in Hannover lebende Autorin Gyde Callesen sich nach eigenem
Bekunden auf das intensivste mit Gegenwartslyrik, ihren Möglichkeiten, aber
auch mit ihren möglichen Beschränkungen auseinandergesetzt hat. So sind unter
den 90 neuen Texten neben wunderbar dichten und fragilen Gebilden auch kritische
Konfrontationen mit
der arroganten Forderung nach einem zweckbefreiten und rein lyrischen Kanon zu
finden...
Das bewußte
Aufnehmen alltäglicher Sprachphrasen kann bei Gyde Callesen geradezu
bewußtseinserhellende Zeitkritik werden...
Zu fremder Schönheit
gerinnen der Lyrikerin immer wieder kurze Anmerkungen zur Sprache...
Gyde Callesen ist
mit den 90 ganz unterschiedlichen Texten
in "Paradiesäpfel angebissen" auf
steinigen Wegen gelandet, wohlweislich, denn nichts ist in der Literatur
weniger zeitbeständig als der aktuelle Trend. Während allerorten einer
neoromantischen Natur- und Blümchenpoesie das Wort geredet und durch die knapp
bemessenen Lyrikpreise dingfest gemacht
wird, stellt die Autorin lieber die unbequeme Frage nach deren Berechtigung...
(J. Schulz,
Literaturredakteur, Hannover)
* * *

Zwischen dem Ungesagten
und dem Ungezeigten - Gyde Callesen: Käfer sind
ungerade von
Cand. Dipl.-Psych. J. Kuschny, Konstanz,
Oktober 2006 . In:
http://www.tiz-online.de/infos/buecher/callesen2006.htm
Lebenssituationen, geprägt von Einsamkeit
obwohl um einen herum das Leben tobt. Wer kennt sie nicht, die Momente, in
denen einen die Gedanken oder Erinnerungen an vergangene Zeiten, geliebte
Menschen oder gar den Tod in eine andere Welt zu entführen versuchen? "Käfer sind ungerade" von Gyde
Callesen beschäftigt sich in mehreren Kurzgeschichten mit Momenten, in denen
wir abzudriften scheinen in der Frage, woher und wohin. Mit Menschen, die ihren
Standpunkt in einer Welt suchen, die sie nur schwer begreifen können. Hin und
hergeworfen von all dem, was Leben heißt, nämlich Liebe, Verzweiflung,
Schicksal, Entwicklung, Sterben und Tod. Da ist ein einsamer Hotelgast, der tagelang
die Decke seines Zimmers anstarrt, eine Frau vergessen will, von einer anderen
seltsam surrealen Frau Besuch bekommt, der er blindlings in die nächtliche
Stadt folgt um schließlich mit der Vergangenheit, die ihn mit der realen Frau
verbindet, abzuschließen.
Ein kleiner Junge, der durch den Anblick einer überfahrenden Katze, ein tiefst
beeindrucktes, ja fast traumatisiertes Verhalten an den Tag legt, und durch
dieses Erlebnis bedingt, sogar das Wort "Katze" aus seinem Wortschatz
streicht, bis er mit Hilfe von den Kaninchen seiner Schwester durch deren
lebhaftes und intaktes Erscheinen aus eigener Kraft dieses Trauma zu überwinden
scheint.
Ein junger Scherben sammelnder Franzose, will eine blaue Scherbe finden - DIE
blaue Scherbe in seinem Leben, das geprägt ist von braunen, weißen und grünen
Scherben- eben dem totalen Alltagstrott.
Das Buch entführt uns in die bizarre Gedankenwelt unserer Mitmenschen. Dabei
fällt dem Leser aber auf, dass dies genau die Welt ist, in der auch er lebt... Die Autorin verwendet für die Erzählungen
ihrer Kurzgeschichten den Blick, den sie auch als Fotografin nutzt, die Welt
und ihre Umwelt zu betrachten und Szenen aus dem Gesamten herauszuschneiden.
Sie fokussiert dabei ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den Augenblick.
"Fotos leben von dem Ungesagten und Ungezeigten", sagt sie in einem
Interview. Genau das spiegelt sich wieder in "Käfer sind ungerade".
Den roten Faden gefunden - Literatur aus Hannover von
Gyde Callesen von Kathrin Tegtmeier In: www.langeleine.de
...Ihren roten
Faden hat Gyde Callesen gefunden. Mit einer klaren Sprache und auf überwiegend
nur drei bis fünf Seiten gelingt es ihr, die Leser in den Alltag der
Protagonisten zu entführen. Einen Alltag, der manchmal abstruser erscheint als
er ist, obwohl er einem letztendlich doch bekannt vorkommt. Irgendwie. Callesen
fasst Lebensläufe zusammen und beschreibt Ausschnitte aus Lebenssituationen.
Manche sind herrlich skurril, zum Schmunzeln und mit einem Augenzwinkern
bedacht, andere sind erschreckend und weniger lustig. So zeigt die Autorin,
dass sie das humorige Schreiben ebenso beherrscht wie den Umgang mit ernsten
Themen... Das Buch
ist genau richtig für einen blauen Nachmittag in der Hängematte. Es ist genau
in diesem Zeitraum durchzulesen. Und es würde einen nicht wundern, wenn
plötzlich ein Marienkäfer vorbeigeflogen kommt, sich auf das Buch setzt und
seine ganz eigene Interpretation darüber abgibt, was es mit den (ungleichen)
Punkten auf dem Rücken den nun wirklich auf sich hat.
Fantastische Erzählungen: Käfer sind ungerade von Gyde Callesen
Die Uhren gehen genauso schnell. Auch die
Wolken ziehen nicht schneller. Ich suche nach Veränderung und finde
alles gleich vor. Zumindest die Vögel müssten lauter singen, aber es
ist Herbst, und sie sind fortgezogen. Die Zeitungen haben dieselben
Schlagzeilen. Die Welt in ewigem Schlaf.
Diese Eröffnungssequenz aus der kurzen Erzählung "Schattenlose
Erinnerung" könnte als Panorama für einen Großteil der erzählerischen
Petitessen in Gyde Callesens neuer Sammlung Kurzgeschichten mit dem
Titel "Käfer sind ungerade" stehen. Die Welt im Sekundenschlag zäh verrinnender Zeit, alles in fortwährend gleichem Verlauf, aufgebrochen
eben nur durch die seltenen Momente der Zeitlosigkeit, die individuell
zustoßen, dann, nur dann nämlich passiert das, was Leben heißt, Liebe,
Entwicklung, Schicksal, Sterben, Tod, Entgrenzung.
Wieder ist der in Hannover lebenden Autorin ein Buch gelungen, das
verstört,aufwühlt, in die eigenen (Lese-)Gewohnheiten einbricht.
Wenn ich nur noch einen Tag zu leben
hätte, sinniert der glasscherbensammelnde Alain, ich würde
alle Scherben nachzählen, und unter ihnen wäre vielleicht eine blaue! Einmal
nur noch, in all dem Einerlei aus weißen und braunen Scherben, dem
scheinbar vorbestimmten Grau-in-Grau, bietet sich vielleicht der Weg
hinaus, ins Freie, Offene. Das heißt für die Totkranke in der Erzählung
"Minotaurus" zum eigenen kindlich-heiteren Gott Jandua finden, das
heißt für die Einsame im Café sich des einen rauschenden Abends
erinnern, der für den Rest des Lebens reichen muss, der das Leben aus
seiner Eintönigkeit drehte und die unerbittlichen Gesetze der Zeit
brach, das heißt aber auch für das junge Mädchen nach dem
Beinahe-Missbrauch durch den Stiefvater, nie wieder Kind sein können
und zum eigenen Frau-Sein ein gestörtes Verhältnis entwickeln.
Manchmal entstehen so mit den starken Bildern der höchstens 6 Seiten
langen Geschichten ganz unmittelbar komplexe Gegenwelten, die völlig
ohne Anleihe an verschwiemelte Esoterien plausible Alternativen
entwickeln.
"Der Umweg ist der kürzeste Weg", lautet ein chinesisches Sprichwort.
Vielleicht kann Treibgut nur Wege
kopieren, weil es kein Ziel hat,
so lautet erstmal Gyde Callesens Kritik an all jenen, die die Mühen
eines eigenen Weges scheuen, und das scheinen nicht wenige zu sein.
Denn um zu sich selbst, seinen ureigenen Ressourcen und Bestimmungen zu finden, bedarf es des Bruches, des Einbruches in den Trott, das
Gewohnte, zu Sichere, mitunter so schmerzhaft, dass sogar der Tod nur
Linderung verspricht.
Eine kurze metaphorische Erzählung ragt etwas hervor, wie etwas sperrig
Schmerzhaftes. In "Irgendwo in Deutschland - Eine Inventur" geht es mit
der Zäsur des Jahrtausendwechsels zugleich um eine Inventur der
Sprache, die zum Schrottplatz verkommen scheint. Sprachmüll aus
Rosemarie Pilcher und Bildzeitung, zerdellter Schiller; Glaube, Liebe,
Hoffnung als verbeulter Motor, all das steht der Entscheidung, heute noch Dichter zu
werden
/ zu sein im Wege. Akuter Sprachtod oder weiteres Idealisieren, ein
Dilemma für viele, denen Sprache noch wichtig ist. Realität ist oft
namenlos, grausam. Sprache als Flucht vor der Wirklichkeit, die wir uns
schön reden müssen, um sie zu ertragen.
Wer wissen will, warum Käfer ungerade sind und Birkenrinde weiblich
sein muss, lese sich durch die bizarr-schönen Sprachlabyrinthe
Gyde Callesens.
(Johannes
Schulz, Radio FLORA, Hannover, 106,5 Mhz, Erstsendung: 11.06.2006, 14:00 Uhr,
Literaturszene Hannover)
Gyde Callesen: Käfer sind ungerade. Kurzgeschichten
Gyde
Callesen hat in ihrem neuen Buch ,Käfer sind ungerade' 27 Kurzgeschichten
veröffentlicht. Sie handeln von Menschen: Frauen, Männern, Kindern. So simpel
sich das anhört, so nuancenreich, vielschichtig und filigran klingt es bei
Callesen. Dass
sie kurz und komprimiert schreibt, die Dinge auf den Punkt bringt, das
überrascht bei einer Lyrikerin nicht. (Ihre Fähigkeiten, längere Prosa zu
verfassen, hat sie mit ihrem Roman ,Maya mein Mädchen' allerdings auch schon
bewiesen.) Vielleicht bedient Gyde Callesen mit ihren kurzen Geschichten den
mainstream, aber auch hier gibt es gekonnt schreibende Autoren und die, die es
weniger gut beherrschen. Ich
habe Gyde Callesens Geschichten gern gelesen. Sie sind erfrischend unterschiedlich, spannend und selbstbewusst. Die
Autorin widmet sich den großen Themen des Lebens; Abschied, Tod, Liebe, Sie
transportiert sie facettenreich, mal ins Übersinnliche, dann wieder in das
Abgründige des menschlichen Daseins. Unangestrengt versetzt sie sich in die von
ihr geschaffenen Charaktere. Geschickt spielt sie dabei das beliebte Katz- und
Mausspiel zwischen Leser und Autor, das da lautet: Inwieweit finden sich
zwischen den Zeilen autobiographische Züge? Am
stärksten sind die Geschichten, die Konkretes nur am Rande streifen, wie
zufällig berühren. Hier erweist sich Gyde Callesen als Meisterin des Erzählens.
Ihre Sätze schwingen. Ihre Worte folgen einer leisen, ergreifenden Melodie.
Ihre Metaphern sind neu und leicht. Gerade
diese Metaphern stehen ganz im Gegensatz zu der manchmal zu heftig
melancholischen Schwere in einigen der handlungsstärkeren Texte. Zur
erwähnten Leichtigkeit zwei Beispiele aus meinem Lieblingsstück ,Schattenlose
Erinnerung': "Ich bin in einem Augenblick hängen geblieben, in einem
Wimpernschlag. Vielleicht waren es nur Bruchteile von Sekunden. Ich kann diesen
Wimpernschlag nicht vergessen, der mein Leben änderte." Oder,
später im Text: "Hingabe an eine stumme Sprache. Sprachsamen auf meinem
Körper. Die Befruchtung unserer
täglichen Einsamkeit. Die Uhr läuft weiter und entfernt mich immer mehr von den
kurzen Momenten geflossenen Weins." Ich
wünsche diesem Buch den Erfolg, den es verdient, und ich wünsche mir noch viele
Geschichten von Gyde Callesen für meinen Bücherschrank. (Sabine
Prilop, Wortnetz - Organ des Verbandes deutscher Schriftsteller)
* * *


Gyde Callesen: Der Fluss unter dem Fluss. Gedichte
Den kleinen Worten, aber auch dem Unsagbaren hinterherspüren, die Mühsal des Erinnerns mit dem Schauder der Sprachlosigkeit in Dialog setzen, selten wurde besser die hermetische Aufgabe des Lyrikers umschrieben, das Spannungsfeld des Wortes zwischen Augenblick und Unendlichkeit charakterisiert. Wenn am zweiten Märzwochenende in Darmstadt im Rahmen des Literarischen März 2005 eine illustre Jury aus Mitgliedern wie Raoul Schrott, Brigitte Oleschinski oder Kurt Drawert über die Vergabe des Leonce- und Lena-Lyrikpreises befinden wird, ist zu hoffen, dass sie Gyde Callesens 'Zwiegespräch' berührt hat. Entnommen ist das im besten Sinne wortkarge Poem Gyde Callesens drittem Gedichtband 'Der Fluss unter dem Fluss', der seit Dezember im Wiesenburg-Verlag vorliegt. Häufig greift Gyde Callesen in ihren Texten die fragilen Altlasten Erinnerung, Enttäuschung oder Verletzung auf, entwickelt über sie Mutmaßungen, Anspruch oder Kritik. Jenseits von Gefühligkeiten oder Befindlichem wirkt selbst das scheinbar Profane, Alltägliche in manchen Zeilen exemplarisch, archetypisch. Trotz gelegentlicher Wortspiele oder Alliterationen verlieren die Texte nie an Tiefe. In dem Gedicht Ehrenwort heißt es: Worte wollen leicht genommen werden, um schwer sein zu können, eine Rezeptur, die belegt, wie riskant der schwerelose Seiltanz der Lyrikerin zwischen Tiefe und Luftnummer angelegt sein muss, um nicht abzustürzen.
Johannes Schulz, Kulturredakteur Radio Flora (Erstsendung:13.2.2005,14:00 Uhr, Literaturszene Hannover, Radio FLORA)
Gyde Callesen: Der Fluss unter dem Fluss. Gedichte
Sprache zu nutzen als geballte Faust gegen Verantwortungslosigkeit, blindes Hinnehmen und Verdrängen: „[...] Hey man/da darf man nicht wegsehen/da darf man nicht weggucken/man hätte etwas tun sollen/wenn es nur jemand gesehen hätte/man/ist eine Maske/für Ich“. Liebe und ihre Verletzungen ungerührt beim Namen nennen: „[...] sie kannten sich/sie liebten sich/nur nicht mehr.“ Hoffnung in Frage stellen: „Wenn aus dem Schneeteppich/blaue Blumen wachsen/wenn aus blauen Steinen/blaue Blumen werden/wenn deine wurzellosen Worte/aufhören zu wandern/kann es sein/dass Begegnen immer neu anfängt.“ Diese drei Beispiele als Antwort auf die Frage, die ich mir selbst stellte, als ich Gyde Callesens neuen Gedichtband – mittlerweile ist es ihr dritter – aufschlug: welche Themen bewegen eine junge Frau, Jahrgang 1975, in unserer Zeit? Was Gyde Callesen betrifft, sind es der Blick auf soziale Missstände, auf menschliches Mit- und Gegeneinander, das Den-Finger-in-die-Wunde-legen, dort, wo schamhaft zugedeckt und verharmlost wird. Widmungsgedichte, die in die Sammlung aufgenommen wurden, beschreiben Einblicke und Gedanken, reflektieren Gewesenes oder weisen in eine ungewisse Zukunft: „Spuren sind nicht immer/Schritte hintereinander.“ Doch es gibt noch mehr zu entdecken. Zum Beispiel Callesens virtuosen Umgang mit der Sprache. Die klare Sachlichkeit, mit der sie dem Abstraktem Sinn zuweist. „Traumnaht“ nennt sie ein Gedicht, das mit zu meinen Favoriten gehört: „Wo Träume Nähte haben/können sie platzen/und jene unansehnlichen Reste/von Seifenblasen hinterlassen/von denen jeder sagt/dass es vorauszusehen war/wo Träume Nähte haben/fallen sie in eine andere Welt/von Urteilen und Gedanken/darüber was wirklich sei/vielleicht sind es die nahtlosen Träume/die darüber entscheiden/was wirklich geschieht.“ Manchmal erscheinen mir die Gedichte in ihrer Häufung etwas zu zornig, zu wenig kompromissbereit. Ein milderer Blick auf die Unvollkommenheit, an der wir ja alle zu leiden haben, hätte ab und an beim Lesen gut getan. Phantasievolle und leidenschaftliche Texte, wie z. B. „Elementarteilchen“, ein Gedicht, das mitreißend den Höhenflug der Verliebtheit schildert (um am Ende doch mit einer nüchternen Feststellung zu enden), hätte ich dagegen noch viele lesen mögen. „Der Fluss unter dem Fluss“ bietet Gedichte mit klaren Einsichten und zum Teil unvermuteten Wendungen. Wunderschön sind einige so noch nicht gehörte Vergleiche: „Unwetter von Nettigkeiten“ oder „[...] ich stehe ohne Hände dort/wo ich versuche zu verstehen.“ Gyde Callesen hat etwas zu sagen – und sie sagt es in der ihr eigenen Sprache, dem ihr eigenen Stil. Das reizt – zum Lesen und Wiederlesen.
Sabine Prilop (VS) www.keintagohnezeile.de
Die Poesie hinter der Poesie
Die Autorin (Jg. 1975) ist schon oft genug (- und das zu recht) gelobt worden und sie legt konsequenterweise hier ihr viertes Buch vor. Texte auf Mittelachse gesetzt - signalisieren womöglich von der Form eine Balance, die die Inhalte nie gestatten würde - Assoziationen - Reflexionen - Einsichten - Beobachtungen. Und dann das Spiel mit Bedeutungs- und Zeitebenen - da heißt es in 'Anti-Prometheus': "Früher war es vielleicht modern / das Feuer von den Göttern zu stehlen / so wesentlich sind wir schon lange nicht mehr / aus dem Himmel ist nichts mehr zu holen." Da ist so eine Feststellung wie - "die Wirklichkeit reist incognito" - höchstinteressant - da erscheint es fast schon normal zu sagen: "Sie träumten von ihren Träumen / wie sie in Wirklichkeit aussehen würden." Und so führt uns die Autorin durch die Dimensionen der Wahrnehmbarkeit zu den Paradigmen der Existenzakzeptanz: "angeheitert" oder "todernst" - und sie droht quasi mit einem "todernsten Tod", wenn man zu "viele todernste Zeilen" schreibt. Und "Worte aus Glas" halten ohnehin nur begrenzt - aber dann - viel schlimmer - die "Sprachasche" - die beschworen wird in Erinnerung an Heines Zeilen: "Das war ein Vorspiel nur . . ." - da geht es um die "Freiheit innen" mindestens. Da werden aber auch literaturgeschichtliche Bewusstseinsachsen beschworen... Wenn aber die Weltanschauung nur eine "trübe Suppe" und "Bedeutung ein Wort / ohne Bedeutung" ist, was bleibt dann für den "Fluß unter dem Fluß - für die Poesie hinter der Poesie - für Bedeutungen außerhalb der Zusammenhänge?! Alles Wünschen zielt doch immer auf ein Dahinterkommen, auf die Schliche-Kommen - hinter die Metaphern. In kürzeren Texten hangelt sich die Autorin quasi von Wort zu Wort, läßt Sätze daraus wachsen, die plötzlich eine Bedeutung kippen - nichts ist so ernüchternd wie plötzlich bewußt gewordene Selbstverständlichkeiten und da erscheint selbst die Natur in ihren regelhaften Abläufen spießig - welche Ironie der Evolution! Oder sind Poesie und Spießigkeit nicht Widerparts?! Alles in letzter Konsequenz zuende spekuliert landet man dann beim Sicherheitsdenken: und wenn man gegen alles versichert ist - "zusammengefasst gegen / das Leben versichert ist / dann bleibt einem garnichts anderes übrig / als zu sterben." Und wenn man gegen das Sterben versichert wäre?! Schützt uns nicht die Poesie vor allzu einschränkender Sicherheit?! Callesen gibt quasi Einstellungen und Auffassungen zur Bedenklichkeit frei - wie kann sich der Mensch selbst akzeptieren und wie wird Zusammenleben menschlich. Hier wird die Poesie in die Praxis eingefordert - mit aller Konsequenz zur Überlebenskunst.
Karl-Heinz-Schreiber, KULT
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Gyde Callesen: Jenseits des Kommas
Gyde Callesens zweiter Gedichtband ist unschätzbar bedeutungsvoll... Sprachlich sind die Texte virtuos. Sie nützt die Möglichkeiten der Sprache maximal, unkrautfrei...Es ist ein großartiges und wichtiges Werk.
(Literaturzeitschrift Libus, Imre Máté / PEN)
Funken- und Fetzenflüge
Gyde Callesen veröffentlicht neue Gedichte - Jenseits des Kommas
Mehrfachbegabung hat ihre Tücken, aber auch ihren Reiz. Oft können Mehrfachbegabte sich nicht zwischen den weit abgelegenen Feldern ihres Interesses entscheiden. Sie tun nichts ganz, lassen Talente, erst halb entwickelt, halb schon wieder verwildern. Wahrscheinlich ebenso häufig sind die Fälle, in denen die eine Begabung die andere befruchtet. Gyde Callesen hat getanzt, Tanzperformances gestaltet. Jetzt schreibt sie, legt mit ‚Jenseits des Kommas‘ schon ihren zweiten Gedichtband vor. Und auch als Dichterin legt sie sich nicht auf ein Verfahren, auf eine Schreibweise fest, geht vielmehr von unterschiedlichen Seiten, geradezu Polen aus ans poetische Werk. Ein solcher Pol besteht aus Einfällen, mit denen die Autorin immer wieder an sich Unvereinbares in einem Text zusammenbringt, mitunter zwingt, bis die Funken und Fetzen fliegen. Kontrastierungen gegensätzlicher Sprachebenen sind eine Spezialität Callesens, etwa wenn der Seele zu ihrer Entfaltung Anweisungen im Ton einer öffentlichen Verbotstafel gegeben oder die Leistungen des Menschen kritisch mit denen der wenigstens Sauerstoff produzierenden Pflanze verglichen werden. Aus Floskeln und Redewendungen, wie ‚stell dir vor‘, entstehen Texte, die autoimmun gegen die eigene Keimzelle reagieren: ‚stell es dir/ niemals vor‘. Nicht selten ist die Sprache selbst Gegenstand des poetischen Sprechens, wird ihre Zerstörung protokolliert, kontrastiv aber auch ihr Reichtum verdeutlicht. Mitunter verliert sich ein Text in seinem Einfall, frisst sich ein spielerisch begonnenes Wortexperiment schwerfällig fest (‚Wesentliches‘, ‚Fallbeispiel‘). Und die ansteckende Sprachbegeisterung der Autorin sollte auf manche ihrer eigenen Formulierungen noch stärker durchschlagen (‚das Gewicht der Attraktivität ist gezählt‘; ‚weil die Sanduhr nie/ stehenblieb‘). Einen komplementären, eigenständigen Pol in dem Buch bilden Sehnsucht und Freiheitsliebe des lyrischen Ichs. Wo es nach sich auf der Suche ist, wo starke Empfindungen, Liebe, Verlangen, Schwermut es anwandeln und verwandeln, öffnen sich auch Bildräume hin zu ungewöhnlichen Fügungen. Auf den Höhepunkten seiner Lesereise werden dem Ausdauernden bündige Parabeln für menschliches Leben und Lebenwollen geboten (besonders: ‚Kontinentaldrift‘). Und glücklich ergänzt sich das Gegensätzliche, verbindet sich der meditative Ernst mit dem spielerischen Einfallsreichtum, wenn so etwas wie romantische Ironie hinzutritt: ‚Meine Träume jagten mich/ durch die Nacht/ trieben mich in den Tag/ ich apportierte den Morgen.‘
(Ewart Reder, Fliegende Literaturblätter)
Sprachhumus
Gyde Callesen. Jenseits des Kommas
Noch längst nicht genügend relevante Zeitgenossen haben das Talent dieser Poetin (Jg. 1975) erkannt - allein das Vorwort zu diesem vorliegenden Band ist phänomenal - man müßte es überall komplett zitieren. Der Kern lautet: "Sprache ... mißtrauen... vertrauen. Wenn wir die Worte hassen lernen, können wir sie auch lieben." Sollten wir eine neue deutsche Poetin suchen - hier haben wir sie - Wiesenburgseidank! Sicherheit in der Wortwahl, Ausgewogenheit zwischen Appell und Ironie - über allem liegt eine Art sentimentaler Sarkasmus. Wie oft soll ich mich wiederholen: ich bin begeistert! Allein folgende Zeilen: "Sie haben sich Stacheldraht / um die Augen gewickelt / als Wimpern / weil sie erstechen müssen / was sie sehen" - manchmal frage ich mich, ob die persönlich- liebenswürdige Autorin überhaupt selbst ermißt, welche hochgradige Hardcorepoesie sie bisweilen produziert?! Herrlich, wenn sie den Duden als "Maßgeber für sprachliche Unglücksfälle" entlarvt - oder wenn sie die 'Stiftung Warentest' "alle getesteten Religionen / mit der Note mangelhaft" bedenkt - auch der globale Texaner kriegt seinen Seitenhieb. Aber ist es nun Trost oder Drohung: "Zeit wird wortleer" - können wir dann noch wenigstens "Spazierengehen auf den Atomen der Sprache"?! Da drohen allerdings "Sprachbakterien" und "Silbenviren" - andererseits sind "Sprachsamen" und "Sprachhumus" vorrätig, solange Poet(inn)en wie Gyde Callesen mit Worten agieren, agitieren für eine Sprache - auf die sie alles zurückführt. Hier finden wir Biotope der Poesie mit der Kraft zur Selbsterneuerung.
Karl- Heinz Schreiber (Literaturzeitschrift KULT)
Gyde Callesens Dichtkunst hat zwei wichtige Eckpfeiler: tiefgründiges literarisches Wissen und eine große Begabung. Sie dichtet im wahrsten Sinne des Wortes - fast wortkarg... Sie ist eine große Verheißung für die deutschsprachige Poesie.
(Literaturzeitschrift Archenoah, Imre Máté/ PEN)
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Die Kraft lyrischer Ironie
Gyde Callesen: Augenblicke - Blickwinkel
Dies ist der erste mir bekannt gewordene Band dieser Autorin (Jg. 1975), deren Vita und Text eine offensichtlich erkämpfte Einheit bilden. Callesen eröffnet uns hier ‚Lyrische Perspektiven‘ auf ihr Bewußtsein, ihr Leben und freilich auch die restliche Welt. Am Schluß der Vita heißt es: „Über Beharrlichkeit, Selbstzweifel, Hoffnung, Ausweglosigkeit, kleine Schritte und den tiefen Glauben nicht aufgeben zu dürfen, führte ein langer, schmerzlicher und intensiver Weg zu diesem Band.“ - Animierend auch die Zeilen auf der Rückseite „Lyrik heißt: die Perspektive wechseln/ das Alltägliche zum Fremden machen/ auf Weichspüler für Worte verzichten/ sich herausfordern lassen...“. Darin steckt eigentlich ein Programm, welches uns ein ganzes Leben lang beschäftigen kann. Äußerst wohltuend ist es, daß die Autorin auf jegliche Larmoyanz verzichtet und lieber einer auf Halbdistanz gehenden Ironie vertraut: „Wir denken positiv/ im Wonnemonat November/ stellen wir den Maibaum auf.“ Wirklich köstlich diese feinen Spitzen mit den zärtlichen Widerhaken: „Wir lieben uns gesellschaftskritisch/ in Stellungen die zum Nachdenken anregen.“ Da steckt in zwei Zeilen die ganze emotionale, intellektuelle, existentielle und gesellschaftliche Leere und Heuchelei! Ein Highlight das Gedicht, in dem der Sinn beim „sehr geehrten Gott“ um „Informationsmaterial über Unterkunftsmöglichkeiten“ nachfragt! Und an anderer Stelle heißt es: „Wir suchen motivierten Sinningenieur/ für unsere Entwicklungsabteilung.“ Es sind stringente Verse von erstaunlicher Sicherheit, berücksichtigt man das Alter der Autorin. Hier ist Wiesenburg eine Entdeckung mit Zukunft gelungen, weil auch aus jeder Bemerkung der Autorin eine ganz eigene Kraft atmet!
(Karl- Heinz Schreiber, Literaturzeitschrift SUBH)
Gyde Callesen: Augenblicke - Blickwinkel
Ganz schön raffiniert diese junge Autorin, das muß man ihr lassen. Selbst hyperkritische Rezensenten mit böser Absicht könnten ihren Gedichten eigentlich nur einen Schwachpunkt unterschieben, nämlich den, daß sie teilweise ein bißchen ‚didaktisch‘ daherkommen und die Meinung der Autorin vielleicht etwas zu ungeschminkt wiedergeben. Aber genau diesen (theoretisch möglichen) Vorwurf blockt Gyde Callesen durch die geschickte Wahl des Buchtitels bereits im Ansatz ab. Schon alleine der Begriff ‚Blickwinkel‘, aber erst recht die Kombination mit dem Untertitel ‚Lyrische Perspektiven‘, macht deutlich, daß es sich hier sehr wohl um bewußt subjektiv gemeinte (bzw. meinende) Lyrik handelt. Und so wirken auch weniger poetische bzw. oberflächenkritisch wirkende Formulierungen wie ‚ der Zeitgeist ist unfruchtbar geworden‘ (35) oder ‚Willkommen in der Medien- und Ichgesellschaft‘ (7) nicht wirklich deplaziert, sondern fügen sich schlüssig in das Gesamtkonzept ein. Im übrigen wird dieser einzige (scheinbare!) Schwachpunkt mehr als aufgehoben durch die ansonsten kraftvolle, bildreiche Sprache der Autorin sowie durch ihre erfrischende Experimentierfreude. Ziemlich schnell fällt auf, daß Callesen das Spiel mit Gebrauchstexten des Alltags liebt. So nehmen denn ihre Gedichte die verschiedensten Formen an: Stellenangebotsanzeigen, Zigarettenschachtel-Warnhinweise, tabellarische Lebensläufe, Einkaufslisten, Beipackzettel – alles wird aufs Kreativste verwurstelt. Auf diese Weise entsteht eine entsprechende Formenvielfalt, jedoch bei gleichzeitiger Beibehaltung eines gewissen roten Fadens (eben unter dem Stichwort ‚Gebrauchstexte‘) bzw. Wahrung der Texthomogenität. Zur Sprache selbst: wie gesagt, sie ist kraftvoll und ausdrucksreich; viele ihrer Bilder und Sprachmotive bezieht die Autorin auch aus den naturwissenschaftlichen Gebieten Biologie und Chemie, in denen sie sich, wie die abschließende Biographie erhellt, ebenfalls sicher bewegt. Liest man alle 66 Gedichte am Stück, so fällt unweigerlich auf, daß zwei Hauptschlagworte immer wieder thematisiert werden: erstens Sprache, zweitens Identität. Und wer wollte leugnen, daß dies zwei elementar wichtige Begriffe für jeden sind, der sich mit Literatur bzw. Lyrik beschäftigt? Es scheint, als habe Gyde Callesen mit dem vorliegenden Gedichtband Stellung beziehen wollen. Vielleicht zunächst (im Prozess des Schreibens) nur sich selbst gegenüber, vielleicht aber auch gegenüber allen anderen Mitmenschen, ‚die an die Gangbarkeit eines schwierigen Weges glaubten und glauben...‘ (5). In meinem bewährten (und übrigens höchst subjektiven) Schulnotensystem erhält ‚Augenblicke – Blickwinkel‘ eine klare 2+ sowie eine eindeutige Kaufempfehlung.
(Gerald Brandt, Literaturzeitschrift Der Fisch)
Gyde Callesen: Augenblicke - Blickwinkel
Hoffnungsfroh stimmt mich, dass in Zeiten, in denen Lyrik nicht zuletzt wegen solcher Negativbeispiele zweimal täglich für tot erklärt wird, auch manchmal Debütanden einen Verlag finden, denen man, ohne zu viel zu riskieren, eine interessante und erfolgreiche Zukunft prophezeien kann. Nehmen wir Gyde Callesen. Der Flensburgerin, Jahrgang 1975, ist etwas gelungen, was viele Etablierte bis heute vergeblich versuchen: Sie hat einen Gedichtband ohne einen einzigen wirklich schwachen Text abgeliefert. Klar, auch die gut 80 Seiten ihres Debüts "Augenblicke - Blickwinkel" weisen eine qualitative Fieberkurve auf. Aber welch ein Talent. Abgeklärt, aber nie altklug. Oft zynisch, ohne dabei völlig mit der Welt und der eigenen Zukunft zu brechen. Die frühe literarische Summe eines in der angehängten Biografie etwas pathetisch summierten. aber offenbar recht bewegten Lebenslaufes. "Lyrik heißt, das Alltägliche zum Fremden machen, Leben verdichten", schreibt Gyde Callesen in einem Stakkato-Manifest auf dem Umschlag. Noch Fragen, Deckard? Bravo!
(Rick Deckard, Literaturzeitschrift Federwelt)
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Bis an die Grenze des
Unerträglichen - Gyde Callesen: Maya mein Mädchen (4. Auflage) von Cand. Dipl.-Psych. Vera
Gailing, Konstanz, Oktober 2006. In:
http://www.tiz-online.de/infos/buecher/callesen2006.htm
"Bevor ich gehe, sehe ich in den
Spiegel. Kann ich mich sehen? Nein, ich sehe mich nicht, der Spiegel ist
zersplittert. Die Splitter sind unwiderruflich voneinander getrennt, nichts wird
sie mehr zu einem Spiegel machen. Ich werde die Splitter anschauen
müssen." (S.107)
Gyde Callesen erzählt von der jungen Frau Maya, die als 8-jähriges Mädchen von
ihrem Großvater mehrfach missbraucht wurde. Bis zu dieser Erkenntnis ist es für
Maya aber ein langer Weg, auf dem sie immer wieder und auf verschiedenen Ebenen
zu scheitern droht, kämpft zwischen dem Leben und dem Tod.
Wenn Maya versucht, sich an den Zeitraum der traumatischen Erfahrungen zu
erinnern, steht sie vor einem "unvollständigen Puzzle" (S. 150) und
aufgrund dieser Gedächtnislücken muss Maya erleben, wie bestimmte Reize, z.B.
große Hände und Lederhandschuhe sie immer wieder hilflos Gefühlen, wie Panik,
Ohnmacht und körperlichen Reaktionen wie Starre und Schwindel preisgeben, sie
diese aber nicht zuordnen und so die sich in ihr ausbreitende Leere nicht
begreifen kann. Deshalb greift sie zum Ritzen als Maßnahme dafür, zu spüren,
dass sie noch am Leben ist.
Oftmals benutzt die Autorin eine sehr poetische Sprache, sie spielt mit den
Worten und lässt die Kraft der gewählten Worte auf den Leser wirken.
Das Thema sexueller Missbrauch in der Kindheit und seine lebenslangen Folgen
wird von Gyde Callesen vorbehaltlos erzählt und sie schont ihre Leser nicht, in
die Gefühlswelt der Protagonistin einzusteigen. Es fiel mit schwer, die geschilderten
Maßnahmen des Psychiaters und des Personals in der geschlossenen Abteilung der
Psychiatrie, zu glauben, so krass und am Problem vorbei erschienen mir die
Methoden. Doch damit hat die Autorin es geschafft, mich aufzurütteln und für
dieses Thema sensibel zu machen. Besonders gelungen finde ich die Gespräche
mit Herrn Z., eine Figur, die Maya erschafft, um sich davor zu schützen, den
Konflikt zwischen sich selbst annehmen oder verachten und zwischen Selbstanspruch
und Versagensangst nicht in ihren Inneren austragen zu müssen. Gyde Callesens Roman ist nicht nur äußerst
spannend geschrieben, die Autorin schafft es auch, den Leser die Zerrissenheit
und innere Übelkeit fühlen, ja sogar körperlich spüren zu lassen, so dass es
beinahe unerträglich erscheint, das innere Elend mitzuerleben und man doch
nicht aufhören kann, weiterzulesen.
Ein rasantes Buch: Maya mein Mädchen von Berit Lukas
In: Persona. Zeitschrift über Depersonalisation, Dissoziation und Trauma. 2005.
Gleich auf den ersten Seiten des Buches von Gyde Callesen werden wir in eine
zerbrochene Welt geführt, ohne lange Vorbereitung, ohne viel Erklärungen. [...] Die Sprache ist sehr schnell - kurze Sätze, abgehackt
- zersplitterte Sätze, die Einblicke geben in eine innere Zerrissenheit und
eine besondere Fähigkeit in eine andere Welt abzutauchen. "Wo gar nichts mehr
ist. Nichts. Nur Leere, schwarze Leere. Keine Angst, niemand" (S. 8).
Durch die Ich-Perspektive geraten wir unmittelbar in den Sog einer fragilen
Psyche. [...] Als
Leser/Innen werden wir mitgenommen in diese Welt, eine Welt, in der es Abgründe
gibt und in der wir ständig mit der Angst konfrontiert werden dort
hineineinzufallen.
Die Sprache von Gyde Callesen ist voller Bilder, wodurch wir der Einsamkeit von
Maya und der gefühlten Ausweglosigkeit sehr nahe kommen. [...] Der Autorin
gelingt es, durch diese Unmittelbarkeit die Leser/Innen mit den Schwierigkeiten
einer bedrohten Psyche vertraut zu machen.
Eine Frau, die "weit weg" ist, die aus bestimmten Gründen und in bestimmten
Situationen erstarrt oder sich auflöst, ein Leben, das einem Puzzle gleicht.
Wir müssen nur bereit sein, es zusammenzusetzen.Vielleicht mag es für manche
Leser/Innen verstörend sein, so direkt Anteil zu nehmen. Das Buch ist sehr
schnell, fast rasant. [...]
Maya in Luxemburg
Eine Besprechung des Romans 'Maya mein Mädchen' wird im Juli im öffentlichen Rundfunk in Luxemburg gesendet. Die Redakteurin Josiane Kartheiser schreibt über das Prosadebüt Gyde Callesens:"...Duerch hire Stil geléngt et der Mme Callesen, eis eranzezéien an dee Chaos, déi Verzweiwelung, dat éiwegt Hin an Hier am Maya senger Perséinlechkeet, woubäi verschidde Symboler, wéi zum Beispill de Spigel, matvill Geschéck agesat ginn, fir dat Gefill vun Onwierklechkeet, vu Realitéits- an Identitéitsverloscht auszedrécken, a gläichzäiteg Raum zeloossen fir déi emotionell a psychesch Aspekter, déi trotz allem jo zum Liewe soen, an um Enn wéinstens d' Méiglechkeet vun engem Ufank vun Heelungundeiten."
Gyde Callesen: Maya mein Mädchen
Der Roman ‚Maya mein Mädchen‘ ist der erstaunlich gelungene Prosaerstling der in Hannover lebenden Autorin Gyde Callesen. Die 28-jährige, die nach ihren Germanistik- Philosophie und Biologiestudien mittlerweile über den ‚ Wandel der Naturwahrnehmung in der mittelalterlichen Literatur‘ promoviert und neben diversen Lehraufträgen an der Uni Hannover auch schon mal als Dozentin für Kreatives Schreiben tätig war, veröffentlichte bereits zwei Lyrikbände im Wiesenburgverlag Schweinfurt. In dieser kleinen, aber feinen Belletristikedition liegt mit ‚Maya mein Mädchen‘ seit dem Sommer auf knapp 200 Seiten die ungemein dichte, fast distanzlos geschilderte Nacherzählung eines frühkindlich erduldeten sexuellen Missbrauchs und dessen lebenslangen Auswirkungen vor. [...] Der Autorin, die ihre Hauptperson Maya als Ich-Erzählerin mit einer fast magisch anmutenden Unmittelbarkeit agieren läßt, unterläuft damit nicht eine nur allzu vordergründige moralinsaure Wertung. Der Mangel an üblichen psychologisierenden Erklärungsmustern zieht den Leser in den Bann von Mayas riskanter Selbstfindung, was die Darstellung ihrer inneren Nöte auf drastische Art nachvollziehbar macht. Nach der verstörenden Lektüre von Gyde Callesens ‚Maya mein Mädchen wird es kaum mehr gelingen, der überfälligen Auseinandersetzung mit psychischen Leiden und ihrer gesellschaftlichen Ächtung aus dem Weg zu gehen.
(Johannes Schulz, Radio Flora)
Maya ist eine junge Frau, die zwischen Spiegeln und Scherben lebt. Sie erschrickt vor ihrer Nacktheit, leidet unter alten und neuen Verletzungen. Manchmal kann sie sagen: ‚ In den Fugen..., da finde ich meine Träume wieder. Dieses Gefühl, daß es großartig sein könnte, ein Mensch zu sein. Das zu tun, was ich will.‘ (174) Maya ist eine Heldin. Sie hat ihren Mißbrauch überlebt. Sie versucht alles: Stücke schreiben, Malen, Therapien, Liebesbeziehungen mit einer Frau, mit Männern. So lange sie sich selbst nicht erreicht, mißlingen diese Beziehungen. So wird Lesern ein Spiegel vorgehalten, wo sie sich mit vorläufigen Begegnungen zufriedengeben, während diese Maya kämpft und kämpft. Sie trifft sich mit einem Mann in ihrem Stammcafé, den es gar nicht gibt und der doch existenter ist für sie als reale Personen. Es ist ihr Haß – Ich. ‚Ich merke, du bist ich!‘ hieß es bei OVID am Ende einer langen Geschichte. Mit dichterischer Gestaltungskraft und größtmöglicher Genauigkeit beschreibt Callesen ihre Romanfigur körperlich und seelisch zerrissen. Aber auch wie sie sich zu ihrem Schutz einen Rest wie Sauerteig bewahrt. Die Autorin läßt uns an Katastrophen und glücklichen Momenten Mayas teilhaben, wo sie nicht aufhört zu fühlen und Lust ohne Angst erfährt. Zwischendurch legt Callesen ihr eine Vermutungsdiagnose in den Mund: Borderline. Das hört sich schwer und leicht zugleich an. Viele Sätze lesen sich wie gesprochen, mal atemlos, mal mit wohltuenden, aber auch beunruhigenden Pausen. Wie geht es weiter? Wird Maya weiter kommen? Wird sie sich das Leben nehmen, um zu leben oder zu sterben? Mit solchen Doppeldeutigkeiten spielt die Autorin, nimmt aber mit ihrer Sprachkunst den Leser immer ernst, der sich einlässt und bricht mit ihm auf in neue Freiheitsperspektiven.
(Dr. Joachim Gneist, München - Verfasser von Wenn Haß und Liebe sich umarmen – Das Borderlinesyndrom)
Das eigene Leben (er)finden
Maya zu lieben bedeutet für ihre Freunde, warten zu müssen, bis die Protagonistin im Kampf um die eigene Identität, von der Reise an den Ort ihrer traumatisierenden Kindheit zurückgekehrt ist. Der Spannungsbogen des Buches läuft auf diese Reise hin und lässt den Leser mitbangen bei der Entscheidung um Leben oder Tod, die Maya bei der bewussten Begegnung mit der Vergangenheit trifft. Der Roman zeichnet eine Aneinanderreihung von Augenblicken aus dem Alltagsleben – wie etwa einer Begegnung mit der Mutter oder dem Freund, Besuch in einem Malatelier bis hin zur Einweisung in die geschlossene Psychiatrie. Überscharfe Wahrnehmung von Details lässt den Blick für das Gesamtbild in den Hintergrund treten. Maya fragt sich: ‚Wo finde ich den Klebstoff, der die Augenblicke zusammenfügt?‘ Ebenso geht es dem Leser, der immer wieder versuchen muss zu entscheiden, ob die auftretenden Protagonisten real sind oder als Halluzinationen wahrgenommene eigene Persönlichkeitsanteile der Protagonistin repräsentieren. In der fortlaufenden Geschichte findet sich ein zweiter Text, der sich sowohl optisch wie auch inhaltlich abhebt. Ein Theaterstück, vielleicht von Maya. Erst gegen Ende nähern sich die Inhalte der beiden Texte an. Der Leser begreift sich als Publikum für Mayas Lebensstück. ‚Jeder Mensch erfindet irgendwann die Geschichte, die er sein Leben nennt‘ zitiert Gyde Callesen Max Frisch auf der ersten Seite ihres Buches. Die von ihr geschriebene Geschichte zeichnet sich durch ein hohes Einfühlungsvermögen in die Problematik der Protagonistin aus. Ein Roman, der komplex gebaut ist und den Leser manchmal an die Grenze des unerträglich Anstrengenden, Verwirrenden mitnimmt. Das Buch ist vor allem aus literaturwissenschaftlicher Sicht interessant, in den Schilderungen über das Erleben und Verhalten der Protagonistin dürften sich aber auch viele Menschen mit Borderline-Erleben wiederfinden.
(Christiane Tilly, Psychosoziale Umschau)
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aus: Siegener Zeitung
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