Home
Aktuelles
Werdegang
Bücher
Rezensionen
Lesungen
Schreibwerkstätten
Fotografie
Kontakt & Links
 



Die nachstehenden Bücher können über jede Buchhandlung, direkt beim Verlag (wiesenburg@t-online.de) oder für handsignierte Exemplare bei der Autorin bestellt werden. Leider kommt es in Buchhandlungen immer wieder zu Fehlauskünften bezüglich der Lieferbarkeit und der Lieferzeiten. Der Verlag liefert innerhalb von 1-2 Werktagen bestellte Bücher aus, insofern ein Buch nicht gerade im Nachdruck ist.

                                          *           *           *








Leseprobe:


notiz  

es ist glück
die angst zu vergessen
und mut zu haben
es ist glück
den mut zu vergessen
und mut zu haben
es ist freiheit
angst zu haben
und mutig zu sein


Limitierte handsignierte Vorzugsexemplare können ab sofort reserviert werden.

Und der nächste Roman ist in Arbeit und wird vermutlich auch 2010 erscheinen.



                                    *           *           *









Leseprobe:

interimslösung

dein ich
kein du
nicht ich
von dir zu mir
nicht du zu ich
das zwischenich
auf dem weg zu dir
ist wesentlich
kein ich für mich
für dich kein du
ohne du und ich
treffen zwei menschen sich
im zwischenwir

                    *           *           *





Leseprobe:

[...]
"Ach, Entschuldigung, mein Name ist Fechtner, Anna Fechtner. Sind Sie heute abend noch zu sprechen?"
Meine Augen brannten, ich hatte die Nachttischlampe ange­knipst. Erst jetzt merkte ich, dass ich müde war und Hunger hatte. "Ich wüsste nicht warum, da ich Sie nicht kenne."
Ich wollte auflegen, Anna Fechtner, ich kannte keine Anna Fechtner.
"Also, haben Sie noch Zeit für mich?"
"Ja, das heißt nein, ich habe Zeit, aber warum..."
"Zimmer 523, nicht wahr?"
Ich brachte nur noch ein "Ja" heraus.
"Ich bin gleich bei Ihnen." Sie legte auf.
Was sollte das? Ich würde einfach nicht aufmachen. Ja, so ein­fach war das. Ich wollte allein sein, zehn Tage lang, um an sie zu denken. An Tatjana, nicht an Anna. Wer auch immer das war.
Es klopfte. Langsam stand ich auf, schloss die Tür auf.
"Schön dich zu sehen, Björn."
Ich stutzte: "Ich heiße Jörg."
Sie legte ihre Jacke auf das Bett und goss sich etwas zu trinken ein. "Das macht nichts. Ich sehe das nicht so eng mit Namen. Du kannst mich auch anders nennen. Nur nicht Elisabeth, das mag ich nicht."
Ich stand immer noch vor der Tür, die ich gerade geschlossen hatte. "Ich kenne Sie nicht, und ich heiße Jörg, und ich weiß nicht, was Sie wollen. Ich will keinen Sex, ich will nachdenken."
Ich freute mich über meinen energischen Ton, das würde sie einschüchtern. Anna, oder wie sie hieß, hatte sich auf den Sessel am Fenster gesetzt, den ich überhaupt noch nicht benutzt hatte. Sie drehte das Kristallglas in den Händen und nippte mit spitzen Lippen daran.
"Wir können gemeinsam nachdenken", sagte sie und lächelte dabei.
[...]

Verstörende Kurzgeschichten mit einem Augenzwinkern sind es, die Gyde Callesen hier vorlegt. Menschen begegnen – anderen Menschen, deutscher Geschichte, ihrer Sehnsucht, sich selbst. Und in diesem Begegnen ein irreales Moment, Figuren werden zu anderen Figuren, Identitäten verwischen sich, Fiktion und Realtiät laufen ineinander. Dazwischen irritierende Klarheit.
Ungewöhnliche und kunstvoll gebaute Prosa-Miniaturen sind dies. Nach mehreren Lyrikbänden und dem Roman Maya mein Mädchen beweist Gyde Callesen erneut ihr Talent, den Leser in Staunen zu versetzen über eine Welt, die er zu kennen glaubte.


               *           *           *






Leseprobe: 


Leutesprecher

Man
man
mannoman
Ach man
geh weiter man
guck nicht so man
man
das macht man nicht
das kann man doch nicht machen
das tut man nicht
Hey man
da darf man nicht wegsehen
da darf man nicht weggucken
man hätte etwas tun sollen
wenn es nur jemand gesehen hätte
man
ist eine Maske
für Ich
man ist so praktisch
niemand sieht mich
man bleibt anonym
man darf alles
man als Richter
niemand kennt man
geh weiter man
geh weiter
da kann man nicht hingucken
da muss man weitergehen
und so tun als sei nichts los
über manches muss man hinwegsehen
auch hinweggehen
manches ist für man zu groß
man
man
man
man ist blind
stirbt man irgendwann vielleicht
man ist unsterblich







    Leseprobe:
       
    Ich tanze, bin der tanzende Narr,
    der mit einem Bein im Abgrund 
    steht. Tanze um die Frage, die mich
    nicht mehr losläßt. Wer bin ich?
    Und was heißt das, daß ich bin?
    Mein Körper wie eine Hülle. Ich
    sehe meine Hände an, die mich
    verletzen, die mir ins Fleisch
    schneiden. Frage mich: Sind das
    meine Hände? Es sind fremde
    Hände. Ich lebe in Wackelkontakt
    zu mir selbst. Funken von Identität,
    dann nur unbegreifliche Fremdheit.
    Mein Körper steht hier im Raum,
    im Heute. Und ich sehe nur seine
    Vergänglichkeit. Ein bißchen tiefer
    schneiden, ein bißchen länger
    bluten, dann ist es vorbei, zu Ende.
    Lebenszeit, eine Sekunde, ein
    Blitz, ein Furz in der Unendlichkeit.
    Raum und Zeit wachsen, und ich
    schrumpfe, falle diesem Nichts
    entgegen. Ich kann mich selbst
    nicht in Worte fassen, nicht erleben. Ich schöpfe mich jede Minute neu aus dem Chaos meines unaufgeräumten Ich. Suche mich und verliere mich. Ich, das Chamäleon, das sich selber nicht mehr erkennt. Entwurzelt treibe ich durch ein Leben und ringe um Wirklichkeit. Um meine Wirklichkeit, die mich immer wieder verläßt.
Borderline. Sie haben es in der Klinik gesagt. Sie haben Borderline.
Borderline, das heißt Grenzgänger. Du bist ein Grenzgänger. Niemals gehörst du dazu. Du bist nicht normal, aber du bist auch nicht verrückt. Es ist dieses Vakuum dazwischen, dieser einsame Raum des Fremden. Kennst du das Gefühl, der einzige Menschen hier zu sein, allein, verlassen? Eine Mauer scheint dich von denen zu trennen, die dich niemals verstehen werden. Weißt du, wohin du gehörst? Du wirst es niemals wissen, weil du keine Identität hast. Grenzgänger stehen dazwischen und schreien nach den Extremen. Immer wieder mußt du Grenzen überschreiten, um dich nicht zu verlieren, um zu spüren, wo die Grenzen des Verständnisses sind. Das Gefühl, nicht in die Welt zu passen, treibt dich fort in deinen Gedanken bis vor eine Entscheidung über Leben und Tod. Willst du dazugehören? Kannst du damit leben, fremd zu sein in der Hoffnung eine Brücke zu schlagen? Es ist deine Entscheidung. Wenn du gehst, bleibt ein Loch, das du nicht füllen kannst. Du paßt nicht dazu, und in dir paßt nichts zusammen. Ein verlorenes Mosaikstückchen am Rand, das selbst ein sich auflösendes Mosaik birgt. Du spürst, was sie nicht spüren, und du verzweifelst an etwas, was sie nicht kennen. Du wirst viel Kraft brauchen, um nicht gehen zu wollen und in der Leere des Unbenennbaren zu bestehen. 

Das kalte Glas an ihrer Stirn. Daneben ihre zu kleinen Hände auf der Fensterscheibe. Dahinter würde ein anderes Leben beginnen, sie wußte nur nicht wann. Immer wieder stand sie so dort, als müßte die kalte Fensterscheibe sie daran erinnern, daß sie fühlen kann. Eine angenehme Kühle. Das Fenster bot Durchblick und Widerstand zugleich. Es ließ den Blick offen, aber hielt sie auch fest. Wonach sie Ausschau hielt, konnte sie nicht sagen. Stundenlang lagen ihre Augen auf den Novemberweiden hinter dem Fenster. Novemberweiden im Frühjahr, im Sommer, im Herbst. Starr waren ihre Augen, entfernt, auf dem Weg in eine andere Zeit. Niemand fragte nach ihr, und ihre Einsamkeit blieb ungestört. Sie zählte die Zeit nicht, sie wollte sich nicht erinnern. Als sie nichts mehr spürte, drückte sie die Stirn und die Hände noch ein wenig fester gegen das Fenster.
 
Maya, mein Mädchen ist die Erzählung über eine junge Frau, die ihrer eigenen Geschichte auf der Spur ist, die verzweifelt um ihre Identität kämpft. Sie ist eine Grenzgängerin, unterwegs an Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Traum und Wirklichkeit.

             *           *           *





   




    Leseprobe:
                
             
    Hetzjagd


    Meine Träume jagten mich

    durch die Nacht

    trieben mich in den Tag

    ich apportierte den Morgen

             *           *           *

 





   Leseprobe: 
                             
   Umsonst

   Im Identitätskatalog suche ich nach 
   meiner seelischen Konfektionsgröße 
   Persönlichkeiten voll im Trend 
   wie kleidet sich heute das Selbst 
   um garantiert in zu sein 
   glatter Verstand 
   runde Gefühle 
   das melancholische Temperament 
   im Angebot als Ladenhüter 
   man trägt heiter Seite für Seite 
   blättere ich weiter
   und stelle fest:
   mich gibt es nicht